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07. Februar 2018
Cluster C – Blog

Auf den Spuren des Deutschen in Bratislava

So nah und doch so fern. Obwohl Wien und Bratislava die am nächsten beieinander gelegenen Hauptstädte zweier europäischer Staaten sind, ist die Entfernung in den Köpfen der Menschen wesentlich größer als in Wirklichkeit, selbst fast 30 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. So verschwindet auf beiden Seiten der Grenze die Kenntnis von der historisch bedingten kulturellen Nähe der beiden Städte und die Sicht darauf, dass auch Bratislava, das frühere Pressburg, bis in die Zwischenkriegszeit hinein von Mehrsprachigkeit geprägt war und hier eine bedeutende deutsche Minderheit lebte. Was ist von ihr übrig geblieben und wie gestaltete sich das historische Schulwesen in dieser mehrsprachigen Kontaktregion Transleithaniens und später der Tschechoslowakei? Diesen Fragen gingen wir im Rahmen unserer eintägigen Exkursion nach, die PP05 für Studierende der Slawistik und andere Interessierte veranstaltete.

 

Von Mehrsprachigkeit zur Einsprachigkeit

Vereinfacht gesagt fokussiert sich das SFB-Teilprojekt PP05 auf die Erforschung der historischen Mehrsprachigkeit in der cisleithanischen Reichshälfte der Habsburgermonarchie, und zwar sowohl auf der Gesetzesebene als auch im Hinblick auf ihre Implementierung beispielsweise im historischen Schulwesen. Deshalb interessierte uns die kontrastive Sicht darauf, von welcher Art der Mehrsprachigkeit die andere Reichshälfte Transleithanien geprägt war, und insbesondere das in unmittelbarer Nachbarschaft von Wien gelegene Kontaktareal Bratislava.

So wie man bei Cisleithanien in Bezug auf Sprachengesetzgebung zunächst wohl an das sog. "Sprachenzwangsverbot" von 1867 denkt, kommt einem bei Transleithanien im ausgehendem 19. und beginnenden 20. Jahrhundert vor allem das Schlagwort Magyarisierung in den Sinn. Und tatsächlich: Die Volkszählungen der Zeit zeichnen ein eher tristes Bild davon, wie die Minderheitensprachen Deutsch und Slowakisch in der gesamten Reichshälfte dem Ungarischen wichen und wie sich die vorwiegend deutsch-, aber insbesondere mehrsprachige Stadt Pressburg / Pozsony / Prešporok zunehmend zu einer ungarischsprachigen wandelte.

Die Karten wurden schließlich im Entstehungsjahr der Tschechoslowakei 1918 neu gemischt, als Deutsch und Ungarisch zu Minderheitensprachen deklariert wurden. Obwohl sie mit umfassenden Minderheitenrechten ausgestattet waren, konnten diese schließlich trotzdem den zunehmend feindlichen Gesinnungen im Vorfeld und im Nachklang an den Zweiten Weltkrieg nicht standhalten, weshalb diese Sprachen schließlich großflächig vom slowakischen Territorium verschwanden. Davon betroffen war ebenso die (nach 1918 umbenannte) Hauptstadt Bratislava: Innerhalb von nur einem Jahrhundert wandelte sie sich von einer mehrsprachigen, zentraleuropäischen Metropole zu einer vom Stacheldraht eingeschlossenen überwiegend einsprachigen Stadt.

 

Buntes Programm

Wir machten uns auf den Weg, um das triste Bild, das uns die Volkszählungsdaten vermitteln, bunter zu färben und sind fündig geworden! Zunächst besuchten wir das Museum für Schulwesen und Pädagogik, wo wir dank einer interessant aufbereiteten Führung spannende Einblicke in das historische Schulwesen auf dem slowakischen Territorium bekamen. Die Sammlung besteht aus insgesamt 45 000 Objekten, darunter befinden sich viele historisch sehr wertvolle Exponate: Vom ältesten Schulbuch aus dem 15. Jahrhundert über die älteste "Fibel" in Form eines Holzschilds mit eingeritzten Buchstaben und Gebeten aus dem 17. Jahrhundert bis zu einer Originalausgabe des maria-theresianischen Schulplans Ratio educationis aus dem Jahr 1777. Hauptsächlich legt das Museum jedoch großen Wert darauf, die chronologische Entwicklung des Schulwesens und die durch verschiedene Epochen geprägten Entwicklungen des Schulinventars, der Unterrichtsmaterialien und der pädogogischen Dokumente anschaulich darzustellen. Ganz besonders sind diese Entwicklungen auf der sprachlichen Ebene nachvollziehbar: Während der erste Prototyp eines Schülerzeugnisses in lateinischer Sprache verfasst war, wurde dieses schon sehr bald von Deutsch und anschließend Ungarisch abgelöst, bis sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts schließlich das slowakischsprachige Zeugnis etablierte. Während wir hinter den Schulbänken aus dem 19. Jahrhundert, der Zwischenkriegszeit und der kommunistischen Epoche verteilt saßen, erklärten uns die netten Mitarbeiterinnen des Museums, dass gerade solche schulischen Zeitdokumente eine sehr wertvolle Quelle zur Erforschung der historischen Mehrsprachigkeit darstellen. Doch eine Frage ließ uns nicht mehr los: Wie wirkten sich wohl diese von oben verordneten Wechsel der Amts- und Unterrichtssprachen auf die tatsächliche Sprachsituation der Durchschnittsbevölkerung aus?

 

Nach einem Spaziergang durch die Innenstadt, der sich thematisch – dank einer gleichnamigen Handy-App des Goethe-Instituts – den „Deutschen Spuren in Bratislava“ widmete, und nach dem anschließenden Pit-Stop in dem wunderschönen Kaffeehaus "Konditorei Kormuth", in dem selbst die Toilettenräume im historischen Stil gestaltet sind und der Kellner mindestens fünf Sprachen (darunter natürlich Slowakisch, Deutsch und Ungarisch, aber auch Englisch und Russisch) fließend beherrscht, gingen wir zur Comenius-Universität, wo uns ein Treffen mit dem slowakischen Germanistik-Dozenten Jozef Tancer bevorstand. Dieser erforschte im Rahmen von Interviews mit insgesamt 70 Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der Zwischenkriegszeit die gesellschaftliche Mehrsprachigkeit Bratislavas und erklärte sich freundlicherweise bereit, unseren neugierigen Fragen Rede und Antwort zu stehen. Daraus hat sich ein für uns sehr bereicherndes Gespräch entwickelt, das eine Vielfalt an Themen reflektierte. So bekamen wir einerseits interessante Einblicke in die inhaltlichen Ergebnisse seiner Zeitzeugengespräche, die der Forscher im Buchformat unter dem Titel "Gelöste Zungen. Wie wir im alten Bratislava geprochen haben"[1] veröffentlichte, andererseits näherten wir uns dank seiner Ausführungen der diachronen und synchronen sprachwissenschaftlichen Aufarbeitung von mehrsprachigen Kontaktarealen an und unterhielten uns über die Vor- und Nachteile des Zeitzeugeninterviews als methodischen Instruments.

 

Durch das spannende Gespräch mit Jozef Tancer wurde uns schließlich bewusst, dass unser ursprüngliches Ziel der Bratislava-Exkursion – eine möglichst große historische Sprachenvielfalt zu entdecken, um eine Art Gegenmodell zu der späteren Einsprachigkeit zu entwerfen – zu kurz gedacht war. Denn die gesellschaftliche Mehrsprachigkeit behält stets ihre Fähigkeit, widrige Sprachverordnungen und sich daraus ergebende Umstrukturierungen der verschiedenen Epochen entweder "im Stillen" zu überleben oder in einer neuen sprachlichen Konstellation wiederbelebt zu werden. Im Endeffekt konnten wir uns davon überzeugen, dass Mehrsprachigkeit etwas vollkommen Alltägliches und jeder Mensch mehrsprachig geprägt ist - unabhängig von der Sprachpolitik, die dies zu reglementieren versucht. Dieses kommt vor allem in solchen sprachlichen "Schmelztiegeln" wie Wien und Bratislava zum Vorschein. 


[1] Slowakischer Originaltitel: "Rozviazané jazyky. Ako sme hovorili v starej Bratislave." Bratislava: Slovart, 2016. Aktuell wird an der Übersetzung ins Deutsche gearbeitet, die demnächst erhältlich sein wird. 



Zitation
Creative Commons Lizenzvertrag
Kancelová, Natália (2018): Auf den Spuren des Deutschen in Bratislava. In: DiÖ-Online.
URL: https://dioe.at/details/artikel/1084/
[Zugriff: 23.05.2018]
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