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15. July 2019
Cluster C – Blog

Kommt eine Physikerin in ein Linguistik-Forschungsprojekt…

Es gibt drei Arten der Reaktion, sobald die Leute herausfinden, dass man Physik studiert (hat):

  1. Baust du einen Todeslaser?
  2. Das ist doch urschwer / könnte ich nie.
  3. Und was machst du jetzt damit?

Die erste kommt zugegebenermaßen eher selten vor, die zweite und dritte aber umso öfter. Hier also die definitive Antwort für alle, die sich fragen, was man mit einem Physikstudium machen kann: im SFB „Deutsch in Österreich“ arbeiten. Was denn sonst? (Der Vollständigkeit halber noch die Antworten auf die anderen beiden Punkte: 1. Nein 2. Ansichtssache, Sprachwissenschaft liegt ja auch nicht jeder Person.) Nachdem das aber wohl immer noch nicht unter „klassischer Karriereweg“ fällt, sollte ich damit anfangen, wie ich hier gelandet bin.


Ich war jung und brauchte das Datenmaterial

Angefangen hat das ganze recht harmlos: Ich fand Physik in der Schule spannend und wollte mehr darüber wissen. Da ich mich aber nicht für ein einziges Studium entscheiden konnte, inskribierte ich gleich noch Sprachwissenschaft – auch das klang interessant. Ein paar Jahre und Buchstaben hinter meinem Namen später lernte ich durch Zufall Gero Vogl kennen, einen Physikprofessor, der immer schon „etwas mit Sprachen“ in Verbindung mit Physik machen wollte. Die genaue Ausformulierung und Umwandlung dieses Plans sollte aber noch einige Zeit dauern. Schwierig gestaltete sich insbesondere das Finden einer passenden Datenquelle.

 

Schließlich sponnen wir gemeinsam mit Manfred Glauninger die Idee, die Volkszählungsdaten zur Umgangssprache in Österreich(-Ungarn) mit Methoden der Physik zu erforschen (absichtlich „sponnen“, denn auch wir hielten es am Anfang eher für eine Spinnerei). Aus dieser Idee entstand meine Dissertation zu Sprachwechsel in Österreich-Ungarn. Sprachwechsel bezeichnet das Phänomen, dass Menschen beginnen, eine neue Sprache statt der alten zu verwenden, etwa, weil eine Sprache in der Gesellschaft angesehener ist (ein höheres Prestige hat) oder sich dadurch bessere Jobchancen ergeben. Dies kommt häufig bei Sprachkontakt vor, also in Gebieten, wo mehrere Sprachen verwendet werden.

Wenn schon nicht mit der Methodik, war ich also zumindest mit der Thematik meiner Forschung von Anfang an voll an den SFB angeschlossen – die Teilprojekte von Task-Cluster C („Kontakt“) beschäftigen sich mit, wie der Name nahelegt, Sprachkontakt in Österreich, aber auch der historischen Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, wo viele Sprachen unter einen (administrativen) Hut gebracht werden mussten.


Quanti-was?

Bleibt immer noch die Frage, was man mit einem Physikstudium im SFB macht. Also, was man wirklich den ganzen Tag macht. Ich mache quantitative Erforschung von Sprachkontakt bzw. Sprachwechsel. In anderen Worten: Ich nehme viele Daten und versuche darin, Muster zu finden. Oder noch kürzer: Ich mag Zahlen (und damit meine ich jetzt nicht nur Geld). Denn genau das bedeutet quantitativ: aus Daten gewonnene Erkenntnisse in Zahlen fassen und Dinge zu messen, meist mit Statistik.

 

So, und was hat das mit Physik zu tun? Statistische Auswertungen mit Zahlen machen schließlich viele andere im Projekt. Die Wahrheit: Ich mag Statistik gar nicht so sehr, sondern Mathematik als generelles Werkzeug um Daten zu bearbeiten, und das in einer Art, die Mathematikerinnen und Mathematiker vermutlich etwas irritieren könnte. (Es gibt den Witz, dass es Mathematik und Physik-Mathematik gibt – die Physik-Mathematik macht einfach Dinge, die funktionieren, ohne sich Gedanken über die ganzen notwendigen Randbedingungen zu machen.) Mathematik (auch Physik-Mathematik!) ist ein Werkzeug, um aus einer großen Datenmenge Trends herauszufiltern, die man sonst vielleicht nicht sieht. Außerdem ist es möglich, damit den Einfluss spezifischer Faktoren auf etwas (z.B. den Einfluss von zweisprachigen Schulen auf Sprachwechsel) zu messen (wir erinnern uns: Zahlen sind toll). Das funktioniert alles natürlich nur, wenn man eine entsprechende Datenmenge hat, was insbesondere bei historischen Untersuchungen ein Problem ist – man kann nicht ins 19. Jahrhundert zurückreisen und Leute befragen, welche Sprache sie verwendet haben. Da hilft auch die Physik nicht, es gibt keine Zeitmaschinen. Deshalb müssen wir uns mit noch vorhandenen Daten begnügen, wodurch aus den gewünschten big data schon einmal very small data werden können.

 

Auf der Suche nach der Weltformel

Um Physik und Sprachwissenschaft jetzt wirklich konkret zusammenzubringen, gibt es zwei Aspekte. Der eine ist die Verwendung von mathematischer Modellierung, wie es die Physik macht. Mathematische Modellierung versucht, die in den Daten gefundenen Muster in eine Formel zu packen, um die Wirklichkeit nachzumachen. In der Sprachwissenschaft kann das so aussehen: Man hat Daten für mehrere Jahre, wie viele Menschen in einem Ort welche Sprachen sprechen. In diesen Daten ist eine Veränderung zu sehen, etwa als Sprachwechsel wie in Abb. 1. Nun stellt man eine Formel auf, wie sich die Sprachverwendung pro Jahr ändert und von welchen Faktoren sie abhängt. Diese Formel wird auf die Daten des ersten Jahres angewendet und berechnet daraus die SprecherInnenzahl jeder Sprache im nächsten Jahr. Die berechneten SprecherInnenzahlen werden mit den tatsächlichen Daten abgeglichen, um zu schauen, wie gut das Modell die Wirklichkeit abbildet. Je nachdem, wie gut Berechnung und Daten zusammenpassen, wird das Modell verbessert. Dann beginnt der Prozess von vorn: mit der neuen Formel SprecherInnenzahlen berechnen, Berechnung und Daten abgleichen, Modell verbessern, bis man zufrieden ist mit der Übereinstimmung.

 

DiÖ – Diffusion in Österreich

Der zweite Aspekt ist, dass nicht nur die Datenbasis, sondern auch die Formel irgendwo herkommen muss, und hier hat sich das Physikstudium endlich ausgezahlt: Die Physik hat praktischerweise schon Modelle für diverse Prozesse, von denen man sich inspirieren lassen kann. In diesem Sinn kann Sprachwechsel als Ausbreitungsprozess gesehen werden, in Analogie zur Bewegung und Ausbreitung von Atomen. Dieser Prozess, Diffusion genannt, betrifft in der Linguistik die Ausbreitung von einer Verhaltensweise (Gebrauch einer neuen Sprache). Jetzt müssen wir nur noch ein mathematisches Modell für physikalische Diffusion von Atomen nehmen und alle Symbole für „Atom“ in der Formel auf „SprecherIn“ umschreiben. Ta-taa, schon ist sie fertig, die Physik in der Sprachwissenschaft. Warum machen das nicht mehr Leute?!

Es ist selbstverständlich nicht so einfach wie oben dargestellt. Formeln aus der Physik können natürlich nicht 1:1 auf die Linguistik übertragen werden. Außerdem muss man überlegen, was linguistisch sinnvoll ist. Jede Formel hat eine zugrundeliegende Annahme darüber, wie Dinge zusammenhängen. Dementsprechend ist es nicht sinnvoll, eine Formel für den Zusammenhang von Haarlänge mit gesprochener Sprache aufzustellen. Und tatsächlich messen kann man auch nur den Einfluss von den Dingen, für die man Daten hat. Außerdem müssen die Ergebnisse interpretiert werden: Nur weil das Modell sagt, bilinguale Schulen in Kärnten haben einen negativen Einfluss auf den Erhalt einer Sprache, sollten deshalb nicht sofort alle entsprechenden Schulen geschlossen werden. Vielmehr müssen die Daten kritisch betrachtet werden: Wie zuverlässig sind sie? Welche anderen Umstände (nicht die Haarlänge) haben eine Rolle gespielt? Und dafür hat sich das Linguistikstudium dann endlich auch ausgezahlt.




Citation
Creative Commons Lizenzvertrag
Prochazka, Katharina (2019): Kommt eine Physikerin in ein Linguistik-Forschungsprojekt…. In: DiÖ-Online.
URL: https://dioe.at/en/article-details/artikel/2093/
[Access: 06.12.2019]
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