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15. September 2020
Cluster B – Blog

Von bodeguten, hundsnormalen, urleiwanden und saupeinlichen Scheißwörtern: Expressive Komposita in unterschiedlichen Dialektregionen Österreichs

Wenn ich in meinem Familien- oder Freundeskreis von meiner Forschung erzähle, können viele Leute meine Begeisterung für grammatikalische Phänomene (z.B. Plural, Genus) nicht ganz nachvollziehen, weil sie die Grammatik aus der Schule noch als trockene und langweilige Materie in Erinnerung haben. Dass Grammatik jedoch auch sehr unterhaltsam sein kann, zeigt das Phänomen der expressiven Komposita.

Das Deutsche liebt lange Komposita

Komposita im Allgemeinen sind zusammengesetzte Wörter, die aus bereits existierenden Wörtern oder Wortstämmen gebildet werden, wie z.B. Schultasche (Englisch schoolbag) oder eiskalt (Englisch ice-cold). Komposita kommen in vielen Sprachen der Welt vor, aber es gibt Sprachen wie etwa das Deutsche, wo sie besonders beliebt und häufig sind. Im Deutschen gibt es vereinzelt auch sehr lange Komposita (wie z.B. Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitänskajüte…), die aus besonders vielen Einzelwörtern bestehen und die außerdem auch noch fast beliebig erweitert werden können (als Kind hatte ich etwa großen Spaß daran, mir auch das Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitänskajütenbettdeckenüberzugsknopfloch vorzustellen). Auch wenn diese besonders langen „Bandwurmwörter“ in deutschen Alltagstexten nur selten vorkommen, ist das Deutsche dennoch dafür berüchtigt. Ein weiteres Beispiel ist das vielzitierte Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz aus Mecklenburg-Vorpommern in Deutschland, das es sogar bis in den britischen Guardian geschafft hat.

Expressive Komposita zum Ausdruck von Emotionen

Expressive Komposita1 sind ein Sonderfall der Komposita: Wie der Name schon sagt, sind sie besonders ausdrucksstark und daher auch emotional aufgeladen. Expressive Komposita zeichnen sich dadurch aus, dass sie mindestens ein expressives Element enthalten, das üblicherweise eine evaluative oder bewertende Funktion hat (z.B. sau-, scheiß-, mords-, hunds-, ur-2, bode- etc.). Diese Bewertung ist häufig entweder positiv oder negativ (vgl. positiv saugeil vs. negativ saublöd), wobei negative Bewertungen allerdings häufiger vorkommen1. Manchmal ist die Bedeutung allerdings nur intensivierend, ohne explizit positiv oder negativ zu sein (vgl. ein hundsnormaler oder stinknormaler Film). Die expressiven Elemente haben ihre ursprüngliche nicht expressive Bedeutung zumindest im aktuellen Situationskontext verloren. Wenn wir etwa das expressive Element scheiß- hernehmen, bezeichnet es nicht mehr etwas, was mit Fäkalien zu tun hat, sondern einfach etwas, das in der Regel als schlecht bewertet wird - in der Regel deshalb, weil expressive Elemente die evaluative Bedeutung des Gesamtwortes manchmal auch ins Gegenteil verkehren können, wie das positive Beispiel scheißcool zeigt (scheiß- mit positiver Bedeutung ist allerdings nur für Adjektivkomposita belegt – oder fällt Ihnen vielleicht ein Beispiel für ein Substantiv mit Scheiß- ein, das positiv bewertet wird? Falls ja, können Sie mir gerne schreiben – ich freue mich immer über spannende Beispiele, die die Forschung auf neue Wege führen).

Wie wird ein Kompositum expressiv?

Wollen wir also aus der Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitänskajüte ein expressives Kompositum machen, reicht es, davor das Element scheiß- zu setzen, wodurch wir eine Scheißdonaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitänskajüte bekommen. Jemand, der dieses Wort verwendet, möchte damit normalerweise ausdrücken, dass er sich über diese Kajüte ärgert, aber nicht, dass in dieser Kajüte Fäkalien zu finden sind. Oder aber wir hängen -scheiß ans Ende, dann haben wir einen Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitänskajütenscheiß, der ebenfalls nichts mit Fäkalien zu tun hat, sondern einer Art von Unsinn entspricht (z.B. Hör doch mal mit diesem Donaudampfschiffahrtsgesellschaftskapitänskajütenscheiß auf!)

Unterscheidung von „normalen“ und expressiven Komposita

In der mündlichen Sprache hilft in manchen Fällen der Wortakzent, zwischen normalen (d.h. nicht expressiven) und expressiven Komposita zu unterscheiden3: So wird eine Toilette manchmal derb als Schéißhaus (mit dem Akzent auf der ersten Silbe) bezeichnet, wobei es hier sehr wohl noch um die ursprüngliche Bedeutung der Fäkalien geht, wie die folgenden Beispiele aus deutschsprachigen Zeitungskorpora4 zeigen, in denen man die fett gedruckten Wörter wohl mit Betonung auf der ersten Silbe lesen würde:

(1)    Ausgangspunkt der Bildungsreise war W[…]s Frage "Wenn alle Abi haben - wer putzt dann das Scheißhaus?" (1 B10/OKT.02271, Berliner Zeitung, 21.10.2010, S. 34)

(2)    Nöstlinger: Ich bin ins Gymnasium gegangen. Dort hatten wir alle, wenn man die Zeit von 45 bis 48 nimmt, sehr wenig. Es gab eine Einzige in der Klasse, deren Vater Schleichhändler war, die hat bessere Kleidung gehabt und ein Eau de Toilette. Was mir ja ein Rätsel war, weil ich gehört habe, dass die besseren Leute ja zum Scheißhaus Toilette sagen. Das hat mich dann sehr verwundert, dass man ein Eau de Toilette hat. Ich habe mir dann irgendwas vorgestellt, wenn sie aufs Klo geht und versucht, den Gestank wegzubringen, hat sie das Eau de Toilette (FLT16/OKT.00284, Falter, 12.10.2016, S. 14,15,16,17).

Hingegen bezeichnet ein Schéißháus (mit einem Doppelakzent auf beiden Silben) ein - aus welchen Gründen auch immer - schlecht bewertetes Haus. In der schriftlichen Kommunikation werden solche Beispiele auch häufig getrennt geschrieben (d.h. als scheiß Haus), um den Unterschied zur Toilette zu verdeutlichen, wie die folgenden Beispiele zeigen:

(3)    Bürger T[…] bringt sich noch einmal ein und wünscht, der Staat würde den Erwerb von Eigentum besser unterstützen. Durch seine Mietzahlungen beweise er doch, dass er "dieses scheiß Haus bezahlen" könne, wenn es nur einen Kredit gäbe - ohne Sicherheiten in Höhe des Bau- oder Kaufpreises. (SOL17/SEP.01019 Spiegel-Online, 12.09.2017)

(4)     "Wenn ich doch das scheiß Haus nicht mehr hätte." Nach der Trennung von ihrem Mann wohnt I[…] L[…] allein auf 230 Quadratmetern, keiner will das Haus bei P[…] kaufen. (STE10/APR.00024 Stern, 08.04.2010)

Regionale Unterschiede bei expressiven Komposita

Nicht alle expressiven Komposita werden jedoch in allen Regionen des deutschen Sprachraums gleich häufig verwendet, und auch in verschiedenen Dialektregionen Österreichs scheinen unterschiedliche expressive Elemente unterschiedlich beliebt zu sein. Diese regionalen Unterschiede wollte ich mir nun anhand von aktuellen mündlichen Daten erwachsener Dialektsprecher*innen aus Österreich genauer ansehen5.

Die Dialekt-Standard-Variation in ländlichen Regionen Österreichs im Spezialforschungsbereich “Deutsch in Österreich. Variation - Kontakt - Perzeption.”

In den Projektteilen PP03 und PP08 des SFB „Deutsch in Österreich. Variation – Kontakt – Perzeption“ untersuchen wir den Sprachgebrauch und die Spracheinstellungen im Hinblick auf die Dialekt-Standard-Variation bei rund 150 Erwachsenen zweier Altersgruppen (18-35 und 60+) und zweier Bildungshintergründe (+/-Matura) aus 13 ländlichen Orten in den fünf wichtigsten Dialektregionen Österreichs. Unsere Daten wurden in den Jahren 2017 bis 2019 erhoben, und wir haben dabei viele verschiedene Erhebungsmethoden angewandt (einerseits gesteuerte Erhebungsmethoden wie Sprachproduktionsexperimente, Übersetzungsaufgaben oder Leseaufgaben und andererseits freie Methoden wie Interviews und Freundesgespräche). Viele dieser Aufnahmen sind inzwischen bereits transkribiert, getaggt und für verschiedene lautliche und grammatische Phänomene ausgewertet worden. Für meine Untersuchung der expressiven Komposita beschloss ich, zunächst einmal die Freundesgespräche unter die Lupe zu nehmen, weil ich mir dort die meisten dieser Komposita erhoffte.

Freundes- und Familiengespräche als informelle dialektnahe Gespräche

Warum gerade Freundesgespräche? Sie stellen den Prototyp eines informellen freien Gesprächs in einer meist dialektnahen Sprechlage dar, da es sich um miteinander sehr gut bekannte bzw. befreundete Personen handelt, die sich ohne Anwesenheit Dritter in ihrem üblichen Ortsdialekt unterhalten. Unter Freunden ist es auch relativ wahrscheinlich, dass man seinen Gefühlen freien Lauf lässt und z.B. über andere Personen oder unangenehme Erlebnisse schimpft (ein typischer Kontext für negative expressive Komposita) oder aber auch seine Freude über positive Erlebnisse mit dem Gesprächspartner oder der Gesprächspartnerin teilt und dabei positive expressive Komposita verwendet. Sehr ähnlich wie Freundesgespräche sind auch Familiengespräche, von denen mir aus einem früheren Projekt auch ein Korpus von informellen Tischgesprächen einer Wiener Familie mit sechs Erwachsenen6 vorliegt, das von 2010 bis 2013 erhoben wurde und in dem ich ebenfalls die expressiven Komposita analysieren wollte.

Interviews als formellere standardnähere Gespräche

Im Gegensatz zu den Freundes- und Familiengesprächen waren in den formelleren Interviews weniger expressive Komposita zu erwarten: Bei diesen Interviews befragten meine Kolleg*innen und ich unsere Gewährspersonen über ihre Einstellungen zum Dialekt und zur Standardsprache, über ihre Sprachbiographien und über weitere projektrelevante Themen, die zumindest am Rande mit Sprache zu tun hatten. Dabei bemühten wir uns, eine möglichst standardnahe Sprechlage zu verwenden - einerseits, weil wir die verschiedenen österreichischen Dialekte natürlich nicht alle beherrschten, und andererseits, weil wir den Gewährspersonen ebenfalls ein möglichst standardnahes Register entlocken wollten, was ein wichtiges Projektziel des Projektteils PP03 darstellt. Tatsächlich passten sich unsere Gewährspersonen häufig an unsere standardnahe Sprechlage an und verwendeten daher in den Interviews deutlich weniger dialektale Elemente als in den Freundesgesprächen. Die Antworten der Gewährspersonen in den Interviews waren außerdem meist sachlich und wenig emotional und enthielten daher auch nur sehr wenige expressive Komposita. Da mich aber besonders die Unterschiede im Sprachgebrauch zwischen den einzelnen österreichischen Dialekten interessierten und ich außerdem eine quantitative Analyse der expressiven Komposita durchführen wollte, beschloss ich, mich vorerst auf die Freundes- und Familiengespräche zu beschränken.

Positive expressive Komposita in den Freundes- und Familiengesprächen

Einige positive Beispiele aus verschiedenen Regionen Österreichs zeigen bereits gewisse regionale Präferenzen:

(5)    das is ja urlustig. (jüngere Frau aus Wien)

(6)    i find s/ dialekt aa ursympathisch… (jüngere Frau aus Gaweinstal, Niederösterreich)

(7)    und englisch bin i saudankbar, dass i des glernt hob. (jüngerer Mann aus Allentsteig, Niederösterreich, über die Vorteile eines frühen Englischunterrichts)

(8)    obwoih s/ berlin zum beispüü a saugeile stodt is… (jüngerer Mann aus Neumarkt an der Ybbs, Niederösterreich, über einen möglichen Umzug nach Deutschland)

(9)    jo tuba gibt_s gor ka orwat fost, außer du host a glick irgendwou oder bis hoid sauguat. (jüngerer Mann aus Neckenmarkt, Burgenland, über die schwierigen Berufsaussichten für Tubaspieler, für die es fast keine Arbeit gibt, außer sie haben irgendwo Glück oder sind besonders gut)

(10) der hot a wüldguats käsekrainerhotdog. (jüngerer Mann aus Passail, Steiermark, über einen Baucontainer, wo es besonders gute Käsekrainerhotdogs zu kaufen gibt)

(11) oba des is saugeil. (jüngere Frau aus Oberwölz, Steiermark, über lustige Rechtschreibfehler von Dialektsprecher*innen)

(12) meine öötan waaren eh hundsglücklich, wenn der do waar, weil wir hom jo jetz kaan mehr, selber. (jüngerer Mann aus Weißbriach, Kärnten, über seine Eltern, die gerne auf den Hund seiner Freundin aufpassen würden)

(13) a mordsaussicht. (jüngerer Mann aus Tux, Tirol, über eine sehr schöne Aussicht bei einer Amerikareise)

(14) aber scho bodaguat walserisch, ge? (jüngere Frau aus Raggal, Vorarlberg, über die Dialektkompetenz einer anderen Frau, die ursprünglich aus dem Montafon stammt, aber sehr gut Walserdialekt beherrscht)

Allerdings konnten an einigen Orten (Steyrling und Taufkirchen an der Pram in Oberösterreich, Hüttschlag in Salzburg, Tarrenz in Tirol) bisher gar keine positiven Beispiele gefunden werden – dort scheint die Intensivierung seltener über expressive Komposita, sondern häufiger über intensivierende Adverbien wie z.B. voll oder über andere sprachliche Mittel zu erfolgen, die ich in Zukunft noch genauer untersuchen möchte.

Negative expressive Komposita in den Freundes- und Familiengesprächen

Negative expressive Komposita sind allerdings in ganz Österreich um einiges häufiger, und so findet man in allen unseren Erhebungsorten Beispiele, von denen jeweils eines hier angeführt ist:

(15) weil sie war mir immer stockunsympathisch. (ältere Frau aus Wien über eine Schauspielerin)

(16) wie ko ma ananasknedel mochen, des schmeckt sicher urgrindig, jo, wei die hoit so sauer san und so… (jüngere Frau aus Gaweinstal, Niederösterreich, über die Erdbeerknödel ihrer Oma, die diese als „Ananasknödel“ bezeichnet hat und damit in der Enkelin entsprechend negative Geschmackserwartungen geweckt hat)

(17) i wü mein scheißbachelor fertig hom. (jüngerer Mann aus Allentsteig, Niederösterreich, möchte sein ungeliebtes Bachelorstudium endlich abschließen)

(18) olle spüün irgendwos, er geht in d_ecken, higludelt. saupeinlich. (jüngerer Mann aus Neumarkt an der Ybbs, Niederösterreich, über ein peinliches Schulerlebnis mit einem Schulkollegen, der in den Turnsaal uriniert hat)

(19) i fohr jeen tog durch den scheißtunnel, oida. des is so zach. (jüngerer Mann aus Steyrling, Oberösterreich, über Verkehrsprobleme im Tunnel)

(20) ind jetz bin i in die reahn eikemma mi_n kinderwong, und der hund()kinderwong is nimma aua und is hinteri teifet. (ältere Frau aus Taufkirchen an der Pram, Oberösterreich, erzählt, wie sie als Kind mit ihrem kleinen Bruder im Kinderwagen in eine Röhre geraten ist)

(21) naa i bi i bi stinkchfau bin i. (ältere Frau aus Hüttschlag, Salzburg, bezeichnet sich selbst als stinkfaul)

(22) und des find i ane von die saudeppertsten frogen. (jüngerer Mann aus Neckenmarkt, Burgenland, über dumme Fragen in Bewerbungsgesprächen)

(23) vo oum bis inten vull mit dem drejcksroden staab. (jüngerer Mann aus Passail, Steiermark – über die Arbeit auf einer Baustelle: “von oben bis unten voll mit dem drecksroten Staub”)

(24) heier oder wor des vorigs johr ba da erschtkommunion wor_s saukoit, mit der kurzen lejderhousen. (älterer Mann aus Oberwölz, Steiermark, freut sich, dass trotz des sehr kalten Wetters bei der Erstkommunion kurze Lederhosen getragen wurden, was zeigt, dass Trachten wieder wichtiger werden)

(25) die gonze zeit geht es in mein scheißkopf so. (jüngere Frau aus Weißbriach, Kärnten, ärgert sich über sich selbst, dass sie noch nicht realisiert hat, dass sie die Matura endlich geschafft hat)

(26) woascht scho, dert in beschten wein und woaß gott wos olls, oft is scheißegal olls mitnonder, ni? (jüngere Frau aus Tux, Tirol, über unnötige Geldausgaben im Urlaub)

(27) i waaß, wo da papa in da schul wor unt, na hot a oft irgend a so a scheißwort mitbrocht und d_mama nur immer: kataschtr/ kataschtrophe. ehrlich (jüngere Frau aus Tarrenz über ihren Vater, der aus Wien schlimme Wiener Dialektwörter mitgebracht hat, was für ihre Mutter eine Katastrophe war)

(28) hura+mucke! (älterer Mann aus Raggal, Vorarlberg, zu lästigen Mücken im Zimmer: “Hurenmücken”)

Die wichtigsten Ergebnisse zu expressiven Komposita

Wenn wir uns alle expressiven Substantivkomposita (wie Scheißwort) und alle expressiven Adjektivkomposita (wie saugut) im Vergleich ansehen, zeigt sich, dass die Substantivkomposita häufiger in einem negativen Kontext gebraucht werden, wohingegen die Adjektivkomposita zwar insgesamt häufiger vorkommen, aber ähnlich oft positiv wie negativ gebraucht werden.

Was die Variablen der Gewährspersonen im Hinblick auf den positiven und negativen Gebrauch betrifft, finden wir keinen Alterseffekt - ältere und jüngere Personen gebrauchen also ähnlich viele positive und negative expressive Komposita. Wir finden allerdings einen Gendertrend: Frauen verwenden etwas weniger negative expressive Komposita als Männer, jedoch ist dieser Unterschied nicht signifikant, er muss/kann also vernachlässigt werden. Und schließlich verwenden Gewährspersonen ohne Matura signifikant, also deutlich weniger positive expressive Komposita als Gewährspersonen mit Matura.

Die folgende Karte zeigt nun die regionale Verteilung der expressiven Elemente, die einige Muster erkennen lässt (unter „andere“ sind jene Elemente zusammengefasst, die nur einmal im gesamten Korpus vorkommen).

 

Man sieht beispielsweise, dass einige intensivierende Elemente (z.B. scheiß(e)-, sau-) in allen Dialektregionen weitverbreitet sind. Andere Elemente sind hingegen in einer größeren Region besonders verbreitet und kommen in anderen Regionen nur selten vor (z.B. hat ur- einen klar ostösterreichischen Fokus und ist in und um Wien besonders häufig zu finden, mit der Ausnahme von uralt, das in ganz Österreich vorkommt, so auch beispielsweise in Tarrenz). Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass unsere westösterreichischen Gewährspersonen häufig ur- als spezielles Merkmal des Wienerischen erwähnen oder dass sie ur- verwenden, um den Wiener Dialekt zu imitieren7. ur- scheint also für westösterreichische Sprecher*innen ein höchst auffälliges Charakteristikum des Wienerischen darzustellen, was vielen Personen aus Ostösterreich möglicherweise gar nicht bewusst ist. Dennoch zeigt sich zumindest in unserem Korpus, dass ur- in Gaweinstal vergleichsweise noch häufiger verwendet wird als in Wien – es ist also bei weitem nicht nur für Wien typisch. Manche intensivierenden Elemente findet man schließlich nur in einem einzigen Ort unserer Untersuchung (z.B. hure-, bode- und himmel- im alemannischsprachigen Raggal oder wild- in Passail, das im südmittelbairischen Übergangsgebiet liegt), sie scheinen also lokal besonders wichtig zu sein. Natürlich wäre es in diesem Zusammenhang in Zukunft auch spannend, sich die umliegenden Orte genauer anzusehen und zu untersuchen, in welchem Umkreis von Raggal und Passail diese Elemente ebenfalls vorkommen.

In manchen Orten (z.B. Oberwölz, Tux, Tarrenz und Hüttschlag) sind expressive Komposita allerdings besonders selten. Wie bereits erwähnt, müsste man sich vor allem dort auch noch andere Möglichkeiten der Intensivierung (z.B. Adjektivintensivierung mit dem Adverb voll, z.B. voll gut) genauer ansehen, um ein möglichst umfassendes Bild über die regionale Verteilung von Intensivierungsmustern zu bekommen.

Was wir noch analysieren werden

Und natürlich wäre es in diesem Zusammenhang spannend, sich als Kontrast auch noch die Interviews genauer anzusehen, weil diese ein standardnäheres und formelleres Register abdecken, das in Sachen expressive Komposita zwar vielleicht nicht so ergiebig ist, das aber dennoch gewisse Intensivierungsmuster aufweisen wird. Hier ist auch eine enge Zusammenarbeit mit Kristina Herbert aus Graz von PP04 geplant, die die Adjektivintensivierung im Rahmen ihrer Dissertation bei urbanen, also städtischen Sprecher*innen aus Wien und Graz sehr detailliert untersucht8. Außerdem wollen wir in die Untersuchung auch verwandte Phänomene aus PP03 miteinbeziehen, etwa den Höflichkeitskonjunktiv (z.B. i sogad oder ich würd sagen), den meine Kollegin Anja Wittbschlager untersucht9, sowie die Diminutive (Verkleinerungs- und Verniedlichungsformen wie bisserl), mit denen ich mich selbst beschäftige10. Wir möchten uns beispielsweise ansehen, ob Personen, die besonders viele (verstärkende) expressive Komposita verwenden, im Gegenzug weniger abschwächende Höflichkeitskonjunktive und Diminutive gebrauchen, oder ob das Gegenteil der Fall ist, nämlich dass Personen, die emotional aufgeladene Ausdrücke bevorzugen, diese sowohl gerne verstärkend als auch abschwächend verwenden. Vielleicht werden wir aber auch keine Zusammenhänge bezüglich der Verwendung dieser drei Phänomene finden – lassen wir uns überraschen…

Sie sehen also, dass es noch einige Pläne für die Zukunft gibt, wie wir uns mit dem spannenden und unterhaltsamen Thema der expressiven Komposita noch weiter beschäftigen wollen. Vielleicht hat Sie dieser Beitrag angeregt, in Zukunft in Gesprächen mit Personen aus unterschiedlichen österreichischen Bundesländern verstärkt auf diese expressiven Elemente zu achten, und vielleicht entdecken Sie dabei ja auch neue Formen der Intensivierung, die bisher noch nirgends dokumentiert sind. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen urleiwanden (oder zumindest hundsnormalen) Herbst – bleiben Sie pumperlgsund und saufit!


1 Meibauer, Jörg (2013). Expressive compounds in German. Word Structure 6, 21–42.

2 ur- wird in der Literatur häufig als nicht allein vorkommendes Präfix (so wie un-, miss-, erz- etc.) analysiert. In gewissen Varietäten (u.a. in Ostösterreich) hat es sich jedoch zu einem eigenen Wort verselbständigt, wie das Beispiel „aber so so ur die Geheimtipps“ (aus unserem Gaweinstaler Korpus) zeigt. Aus diesem Grund analysiere ich Beispiele wie urcool als expressive Komposita.

3 Klara, Ludmila (2009). Ist steinreich auch steinreich? Adjektivische Steigerungskomposita des Gegenwartsdeutschen und ihre Akzentuierung. Ludwig-Maximilians-Universität München: Dissertation.

4 Die Beispiele 1-4 wurden mit Hilfe von COSMAS II im „Archiv der geschriebenen Sprache“ gefunden (s. COSMAS I/II (Corpus Search, Management and Analysis System), http://www.ids-mannheim.de/cosmas2/, © 1991-2020 Leibniz-Institut für Deutsche Sprache, Mannheim)

5 Siehe auch: Korecky-Kröll, Katharina & Wolfgang U. Dressler (eingereicht). Expressive German adjective compounds in hateful and aggressive discourse. Eingereicht bei: Natalia Knoblock (Hrsg.): Grammar of Hate. Cambridge: Cambridge University Press.

6 Siehe auch: Korecky-Kröll, Katharina (2017): Kodierung und Analyse mit CHILDES: Erfahrungen mit kindersprachlichen Spontansprachkorpora und erste Arbeiten zu einem rein erwachsenensprachlichen Spontansprachkorpus. In: Claudia Resch & Wolfgang U. Dressler (Hrsg.): Digitale Methoden der Korpusforschung in Österreich. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 85-113.

7 Diese offensichtlichen Imitationen, die die Gewährspersonen in den Freundesgesprächen auch entsprechend kommentiert hatten, wurden aus der quantitativen Analyse ausgeschlossen, weil es sich nicht um den jeweiligen Ortsdialekt, sondern um eine Imitation eines fremden Dialekts handelt.

8 Herbert, Kristina (in Vorbereitung). Adjective Intensification in Spoken Interaction. A Sociolinguistic Study on Formal Structure, Social Indexicality and Stance. Universität Graz: Dissertation.

9 Siehe auch: Breuer, Ludwig Maximilian & Anja Wittibschlager (2020). The variation of subjunctive II : Evidence from urban and rural analyses. Linguistic Variation  20/1, 136 -171. https://doi.org/10.1075/lv.19005.bre

10 Siehe auch: Korecky-Kröll, Katharina (angenommen). „Ma tuat net so vüü verniedlichen“ – oder doch? Verweigerung und Hinzufügung von Diminutiven als Schnittstellenprobleme von mündlichen „Wenker“-Übersetzungsaufgaben. Erscheint in: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik.



Citation
Creative Commons Lizenzvertrag
Korecky-Kröll, Katharina (2020): Von bodeguten, hundsnormalen, urleiwanden und saupeinlichen Scheißwörtern: Expressive Komposita in unterschiedlichen Dialektregionen Österreichs. In: DiÖ-Online.
URL: https://dioe.at/en/article-details/artikel/2525/
[Access: 23.09.2020]
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