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MiÖ-STAT – STATistische Daten zur historischen Mehrsprachigkeit in Österreich

Inhalte

MiÖ-STAT wird, wie sein Name schon andeutet, im weitesten Sinne statistische Daten zur Mehrsprachigkeit in Österreich enthalten, die aus verschiedensten Quellen, wie etwa Volkszählungen, Schulprogrammen und -berichten, sprachwissenschaftlichen Erhebungen oder der Literatur stammen. Neben rein quantitativen Daten wie sie etwa Zensus-, also Volkszählungsdaten darstellen, werden auch Daten aus spezifischen Domänen und solche mit qualitativen Aspekten berücksichtigt. Um erstere handelt es sich etwa bei den Informationen aus Schulprogrammen und -berichten, um zweitere bei den soziolinguistischen Angaben auf den Fragebögen zum Sprachatlas des Deutschen Reichs, den sogenannten Wenkerbögen. Diese Daten interagieren und überschneiden sich nicht nur mit, sondern ergänzen auch vielmehr die rein quantitativen Daten, wie sie etwa im Rahmen von Volkszählungen gewonnen werden.

Zur Notwendigkeit des kritischen Umgangs mit statistischen Daten

Vorauszuschicken ist natürlich, dass wir die Vorbehalte in Bezug auf die ausschließliche und unhinterfragte Verwendung von Volkszählungsdaten als Quellen in der (historischen) Soziolinguistik, wie sie etwa Ana Deumert äußert, teilen. Ihr zufolge objektivieren quantitative Daten komplexe soziale Phänomene und verschleiern die Variabilität und Komplexität von sprachlichem Handeln in mehrsprachigen Gesellschaften und machen sie somit unsichtbar (Deumert 2010: 18).

Außerdem müssen besonders bei der Verwendung historischer Daten wie etwa der Daten der Volkszählungen aus der Habsburgermonarchie (1880, 1890, 1900 und 1910) oder jener aus der Zwischenkriegszeit (1923, 1934) die historischen Erhebungsbedingungen bedacht werden, wie sie etwa für die Habsburgermonarchie Emix Brix (1982) untersucht hat. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die exakte Fragestellung, die über die Zeit variiert und die Beantwortung der jeweiligen Sprachenfragen entsprechend beeinflusst: Nach der Muttersprache, der sprachlichen Zughörigkeit oder der Umgangssprache gefragt, wird gegebenenfalls dieselbe mehrsprachige Person wahrheitsgetreu verschiedene Antworten geben (vgl. Prochazka 2018). Zusätzlich können Fragebögen im Nachhinein explizit verändert (gefälscht) werden, um bestimmten politischen Vorgaben zu entsprechen – etwa, wo es sich um die gewünschte (Un-)Sichtbarkeit von Minderheiten(-sprachen) handelt. Rechte für (sprachliche) Minderheiten sind oft an eine zahlenmäßige Größe gebunden, die aus der Volkszählung bestimmt wird. So wurde im Österreichischen Volksgruppengesetz 1976 für Kärnten ein Prozentsatz von Kärntner Sloweninnen und Slowenen (als Angehörige der slowenischen Volksgruppe) festgelegt, ab dem zweisprachige Ortstafeln aufzustellen sind. Dieser Prozentsatz war in Folge auch immer wieder umstritten und -kämpft. Als Richtwert für den Prozentanteil wurde die Frage nach der Umgangssprache bei der österreichischen Volkszählung – obwohl das Volksgruppengesetz selbst die Muttersprache als ein Zugehörigkeitsmerkmal zu einer Volksgruppe festlegt, nicht die Umgangssprache. In diesem Fall wurden zwar Volkszählungsergebnisse also nicht gefälscht, aber doch für weitreichende politische Entscheidungen herangezogen, um eine Antwort auf eine Frage zu geben, die so gar nicht gestellt worden war.

Um Ereignisse dieser Art zu identifizieren und zu kontextualisieren, ist ein Vergleich zwischen verschiedenen Datenquellen besonders wichtig. MiÖ-STAT kann und soll beitragen, einen solchen Vergleich für möglichst viele Szenarien und Orte zu ermöglichen (siehe etwa das Beispiel von Waltersdorf an der March oder Chvalatice im folgenden Abschnitt).

Ähnliche Vorbehalte können in Bezug auf sämtliche oben genannten Datenquellen, also auch den eher qualitativen sowie den domänenspezifischen gegenüber geäußert werden: Die Angaben auf den Wenkerbögen basieren beispielsweise auf der individuellen Einschätzung einer Volksschullehrerin oder eines Volksschullehrers bezüglich der Verwendung einer sogenannten „nicht-deutschen Volkssprache“ in einem Schulort bzw. auf der Bereitschaft dieser Person, dazu Auskunft zu geben. Das Antwortverhalten variiert auch regional deutlich: Während in Südmähren die Lehrerinnen und Lehrer fast flächendeckend relativ genaue quantitative Einschätzungen zum Anteil der tschechischsprachigen Personen in ihrem Schulort machen (vgl. Kim 2018), sind die Angaben in Niederösterreich deutlich spärlicher und auch eher qualitativen Charakters (vgl. Kim im Dr.)

Wie aus den obigen Absätzen deutlich wird, ist bei der Verwendung von statistischen Daten zum Sprachengebrauch ein kritischer Blick angebracht. Dennoch sind wir der Meinung, dass die in MiÖ-STAT zukünftig verfügbaren Daten ein aussagekräftiges Bild der historischen Mehrsprachigkeit Österreich zeichnen. MiÖ-STAT spricht explizit auch die Probleme und Politisierungen bei einer ebensolchen Verwendung statistischer Daten an und stellt sie nicht nur unkommentiert zur Verfügung.

Historische Kontextualisierung und Zusammenführung mehrerer Quellen

Die Ausführungen oberhalb zeigen die Notwendigkeit der kritischen Kontextualisierung (historischer) statistischer Quellen, die die Grenzen ihrer Aussagekraft und damit Nutzbarkeit auf- und herausarbeitet. Gleichzeitig fokussiert eine solche Auseinandersetzung ihre Stärken sowie ihre Anschlussmöglichkeiten an weitere Quellen: Ein Zusammenführen mehrerer Quellen ermöglicht, mit ihren individuellen Unausgewogenheiten und Schwachstellen umzugehen und ein plastisches Bild der Sprachkontaktsituation zu zeichnen.

Wie dies gelingen kann, zeigt nicht nur das im Blog Moi, MiÖ! herausgearbeitete Beispiel zu Waltersdorf an der March (vgl. Kim i. Dr.), sondern auch eines zu den Entwicklungen einer südmährischen Gemeinde im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert. Die beiden Dörfer Chvalatice (deutsch: Chawalatiz) und Šreflová (heute: Zálesí, deutsch: Schröffelsdorf) bildeten bis 1924 unter dem Namen des älteren und größeren Ortes Chvalatice eine gemeinsame Gemeinde. Beide Orte waren den Volkszählungsdaten aus der Habsburgermonarchie entsprechend mehrheitlich deutschsprachig, wobei allerdings in Chvalatice der Anteil der tschechischen, eigentlich „böhmisch-mährisch-slowakischen“ Minderheit zwischen 1880 und 1910 sehr niedrig war und es sich also um einen relativ einsprachigen Raum gehandelt haben dürfte. In Šreflová hingegen schwankte er beträchtlich und erreichte sogar knappe 38% im Jahr 1900. Auf Grund der Gemeindezugehörigkeit und der absoluten deutschsprachigen Mehrheit wurde der Ort Chvalatice jedoch trotzdem immer als integrativer Teil Deutsch-Südmährens gehandelt.

Eine wertvolle neue Perspektive liefern die Schulchroniken der beiden Volksschulen und dabei insbesondere jene aus Šreflová, die neben der Geschichte der Schule auch die sprachlichen Verhältnisse behandelt: Sie zeichnet das Bild einer primär tschechischsprachigen Ortschaft, deren Bewohnerinnen und Bewohner jedoch aus ökonomischen Gründen auch Deutsch sprechen, nicht jedoch ein bildungssprachliches Deutsch, sondern den südmährischen Dialekt. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde diese gesellschaftliche Mehrsprachigkeit auch aus Šreflová vertrieben und der Ort zu einem einsprachig tschechischen Raum umgestaltet, wovon die Schulchronik sowie die administrative Teilung Zeugnis geben (vgl. Schinko/Kim/Engleder i. Dr.).

Statistische Daten können also trotz aller Vorbehalte und der Notwendigkeit einer historischen Kontextualisierung ein wertvoller Ausgangspunkt für Beispielstudien sein und dazu beitragen, Desiderata zu identifizieren.

Aufgaben und Ziele

Innerhalb von MiÖ werden die in MiÖ-STAT enthaltenen statistischen Daten aus verschiedenen Quellen dazu beitragen, historische Mehrsprachigkeit sichtbar zu machen, wo sie nicht Teil des gegenwärtigen Allgemeinwissens und Bewusstseins ist. Durch die Integration der Daten in das geographische Informationssystem des SFB „Deutsch in Österreich“ werden die Informationen nicht nur gemeinsam mit den restlichen, im SFB erhobenen Daten, sondern auch einfach und intuitiv für die breite Öffentlichkeit zugänglich sein.

Besonderes Augenmerk wird aber auch darauf gelegt, einen Blick über die Grenzen des heutigen Österreich zu werfen und grenzübergreifende Zusammenhänge aufzuzeigen (vgl. Kim 2018).

MiÖ-STAT entsteht als ein zentraler Output des Teilprojekts PP05.

Bisherige Publikationen von Task-Cluster C rund um MiÖ-STAT

Kim, Agnes (2018): „Von ‚rein deutschen‘ Orten und ‚tschechischen Minderheiten‘: Spracheinstellungen und bevölkerungspolitisches Bewusstsein in den Wenkerbögen“. In: Philipp, Hannes / Ströbel, Andrea / Weber, Bernadette / Wellner, Johann (Hg.): Deutsch in Mittel-, Ost- und Südosteuropa. DiMOS-Füllhorn Nr. 3. Beiträge zur 3. Jahrestagung des Forschungszentrums Deutsch in Mittel-, Ost- und Südosteuropa (FZ DiMOS) vom 29. September – 01. Oktober 2016 in Regensburg (= Forschungen zur deutschen Sprache in Mittel-, Ost- und Südosteuropa FzDiMOS – Band 6) Regensburg: Universität Regensburg (Open Access Schriftenreihe der Universitätsbibliothek Regensburg), 275–318. [URL: https://epub.uni-regensburg.de/37387/]

Kim, Agnes / Newerkla, Stefan Michael (i. Dr.): „Das Paradox der Toleranz. Sprachliche Nationalisierung des Mittelschulwesens in Böhmen und Mähren im langen 19. Jahrhundert“. In: Jahrbuch des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa. Band 26.

Kim, Agnes (i. Dr.): “Multilingual Lower Austria. Historical sociolinguistic investigations on the Wenker questionnaires“. In: Bülow, Lars / Fischer, Ann-Kathrin / Herbert, Kristina (Hg.): Linguistische Dimensionen im Varietätenspektrum: Variation – Mehrsprachigkeit – Konzeptualisierung. Berlin et al.: Peter Lang (= Schriften zur deutschen Sprache in Österreich).

Newerkla, Stefan Michael (2018): „Wie toleranzintendierte Sprachengesetze zur nationalen Segregation führten – Die Aushöhlung des deutschen Schulwesens in Plzeň/ Pilsen im langen 19. Jahrhundert“. In: Philipp, Hannes / Ströbel, Andrea / Weber, Bernadette / Wellner, Johann (Hg.): Deutsch in Mittel-, Ost- und Südosteuropa. DiMOS-Füllhorn Nr. 3. Beiträge zur 3. Jahrestagung des Forschungszentrums Deutsch in Mittel-, Ost- und Südosteuropa (FZ DiMOS) vom 29. September – 01. Oktober 2016 in Regensburg (= Forschungen zur deutschen Sprache in Mittel-, Ost- und Südosteuropa FzDiMOS – Band 6) Regensburg: Universität Regensburg (Open Access Schriftenreihe der Universitätsbibliothek Regensburg), 372–397. [URL: https://epub.uni-regensburg.de/37387/]

Newerkla, Stefan Michael (2018): “Historical multilingualism in Bohemia during the 19th century: The liberalisation of the language policy and its effects on the situation in Plzeň’s educational system“. In: Kretschmer, Anna / Neweklowsky, Gerhard / Newerkla, Stefan Michael / Poljakov, Fedor (Hg.): Mehrheiten ↔ Minderheiten: Sprachlich-kulturelle Identitäten der Slavia im Wandel der Zeit Berlin et al.: Peter Lang (= Philologica Slavica Vindobonensia 4 ), 213–228.

Prochazka, Katharina (2018): „Minderheitensprachen zählen! Über Sprachzählungen und Minderheiten(-sprachen)“. Wiener Linguistische Gazette 83, 1–26. [URL: https://wlg.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/p_wlg/832018/prochazka-minderheiten-zaehlen.pdf].

Schinko, Maria / Kim, Agnes / Engleder, David (i. Dr.): „Von ‚rein deutschen‘ Orten und ‚tschechischen Minderheiten‘ II. Einflussfaktoren auf das Antwortverhalten bezüglich demographischer Fragestellungen in den Wenkerbögen aus globaler wie lokaler Perspektive mit besonderem Fokus auf die Volksschule in Šreflová“. In: N. N. (Hg.): Beiträge zur 4. Jahrestagung des Forschungszentrums Deutsch in Mittel , Ost- und Südosteuropa (FZ DiMOS).

Weitere Referenzen

Brix, Emil (1982): Die Umgangssprachen in Altösterreich zwischen Agitation und Assimilation. Die Sprachenstatistik in den zisleithanischen Volkszählungen 1880 bis 1910. Wien, Köln, Graz: Hermann Böhlaus Nachf. (= Veröffentlichungen der Kommission für Neuere Geschichte Österreichs 72).

Deumert, Ana (2010): “Tracking the demographics of (urban) language shift – an analysis of South African census data“. Journal of Multilingual and Multicultural Development 1/31, 13–35.

MiÖ-SAKON – Sprachliche Areal- und Kontaktphänomene des Deutschen in Österreich

Inhalte

Mit MiÖ-SAKON wird eines der Hauptziele von PP06 verwirklicht, nämlich eine umfassende Zusammenstellung aller sprachlichen Phänomene, die als spezifisch für Ausprägungsformen des Deutschen in Österreich beschrieben werden und die als Areal- und/oder Kontaktphänomene erklärt werden. Unter Sprachkontaktphänomenen verstehen wir solche sprachliche Besonderheiten, bei denen eine bestimmte andere Sprache als Gebersprache identifiziert wird. Lehn- und Fremdwörter sind bekannte Beispiele für solche Phänomene. Arealphänomene sind hingegen solche, die in mehreren geographisch benachbarten, aber nicht notwendigerweise eng verwandten Sprachen auftreten und die daher miteinander in Verbindung gebracht werden, ohne dass eindeutig nachgewiesen werden könnte, welche Sprache ein bestimmtes Phänomen an die anderen weitergegeben hat.

MiÖ-SAKON wird die im Antrag von PP06 geforderte, umfassende Sammlung (angeblicher) Sprachkontaktphänomene enthalten und die einzelnen Phänomene darüber hinaus mit weiteren Informationsebenen verknüpfen, insbesondere mit Informationen zu ihrer geographischen Distribution und ihrer Entwicklung.

Bibliographie

Eine weitere zentrale Komponente von MiÖ-SAKON ist die bibliographische bzw. metalinguistische: Das Modul soll besonders aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert stammende linguistische Fachliteratur, die sich mit sprachlichen Areal- und Kontaktphänomenen im Deutschen in Österreich beschäftigt, zugänglich machen. Vornehmlich richtet es sich an ein wissenschaftliches Publikum, aber auch an Studierende und Lehrende an Schulen.

Ein dezidiertes Ziel von MiÖ-SAKON ist dabei die historische Kontextualisierung der in ihm verarbeiteten Literatur und die Sichtbarmachung von sowohl offenen als auch verdeckten Referenzen und Verweisen, also von Zitations- und Wissenszusammenhängen. Somit enthält es jene notwendigen Informationen, die es ermöglichen, die Plausibilität der verzeichneten Kontakterklärungen zu den einzelnen sprachlichen Phänomenen abzuwägen.

Um nicht (auf/an) ein Beispiel zu vergessen

Welche Forschungslücken durch MiÖ-SAKON identifiziert werden, soll beispielhaft anhand eines markanten, als kontaktinduziert gehandelten Phänomens des Deutschen in Österreich erläutert werden, nämlich anhand der Präpositionalobjekte mit dem kognitiven Verb vergessen (vgl. Kim/Scharf/Šimko i. Dr.; Kim i. Dr.).

Im Standarddeutschen regiert dieses Verb ein Akkusativobjekt [vergessen + Akk]; allerdings wird in Onlinenachschlagewerken auch ein Präpositionalobjekt mit der Präposition auf als möglich angegeben [vergessen auf + Akk]. Der Online-Duden klassifiziert diese Verbindung als „landschaftlich, besonders süddeutsch und österreichisch“ (Stand: 23. 09. 2018), das Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (DWDS) ähnlich als „landschaftlich, (besonders) österreichisch, umgangssprachlich“. In österreichischen Zeitungen können beide Konstruktionen gefunden werden; hier ein Beispiel für jede Konstruktion:

[vergessen + Akk]

Die Heimelf war klar überlegen und spielte sich in einen wahren Rausch, vergaß dabei aber nicht das Toreschießen.

(DeReKo-2017-I / Burgenländische Volkszeitung, 05. 08. 2010)

 

[vergessen auf + Akk]

Nach dem schnellen Tor haben wir aufs Tore-Schießen vergessen. Wir hätten in der Pause höher als 1:0 führen können.

(DeReKo-2017-I / Burgenländische Volkszeitung, 18. 03. 2010)

Im Tschechischen sind beide Konstruktionen, die eine mit Akkusativobjekt und die andere mit Präpositionalobjekt, für unterschiedliche Bedeutungen des tschechischen Äquivalents zum Verb vergessen, zapomínat/zapomenout, kodifiziert.

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert findet sich jedoch im Deutschen der Habsburgermonarchie auch noch eine dritte Konstruktion, nämlich ein Präpositionalobjekt mit der Präposition an [vergessen an + Akk]:

[vergessen an + Akk]

Man war verblüfft und vergaß an die heitere Bewegung und den witzigen Dialog, die man eben so sehr belacht, als man das anziehende Spiel des Frl. Kronau und des Hrn. Tewele und die Komik des drolligen Hrn. Blasel mit Beifall bedacht hatte.

(ANNO / Blätter für Musik, Theater und Kunst, 12. 03. 1872).

Eine solche Variation der Präposition innerhalb des Präpositionalobjekts im Deutschen in Österreich ist auch bei den kognitiven Verben sich erinnern [an/auf + Akk] und denken [an/auf + Akk] beobachtbar (vgl. z. B. die Einträge im DWDS zu erinnern und denken, Stand: 23. 09. 2018). Diese Variation korreliert mit einer generellen „Verwechslung“ der Präpositionen auf und an im Deutschen in Österreich, die zu einer verbreiteten Verwendung von auf in solchen Fällen führt, in denen das in Deutschland übliche Standarddeutsch an bevorzugt, etwa in Phrasen wie auf der Universität (vgl. Newerkla 2007: 280).

Dieser Umstand wird oft durch die Tatsache erklärt, dass es im Tschechischen nur ein Äquivalent für beide deutsche Präpositionen gibt; na entspricht sowohl an als auch auf. Eine solche Unterspezifikation könnte durch zweisprachige Personen bzw. tschechischsprachige Lernerinnen und Lerner des Deutschen im Laufe der Zeit übertragen worden sein und somit das Deutsche in Österreich mitgeprägt haben. Ein solche Erklärung ist jedenfalls nicht auszuschließen, sondern sogar recht plausibel.

Ein Blick in die Literatur

Allerdings ist es aufschlussreich, einen genaueren Blick darauf zu werfen, wie diese Variation in der Kasusrektion und der Präpositionswahl des kognitiven Verbs vergessen in relevanter Fachliteratur beschrieben wird.

Dalibor Zeman etwa behandelt das Phänomen in seiner Dissertation aus dem Jahr 2003 als strukturelle „Parallele des österreichischen Deutsch und des Tschechischen“. Um die Plausibilität der Kontakterklärung zu beurteilen, zitiert er jedoch nur Konsultationen mit zahlreichen österreichischen Linguistinnen und Linguisten, die entweder für einen allgemeinen „Einfluss der Monarchie“ plädieren, wie Maria Hornung, oder meinen, die Erklärung der Phänomene durch den Einfluss des Tschechischen wäre „mit Vorsicht zu genießen“ (vgl. Zeman 2003: 275–277). Zeman bezieht sich also auf keine tatsächliche, methodisch haltbare Studie zu den Phänomenen.

Boris Blahak (2015: 509) kommt in seiner detailliert ausgearbeiteten Dissertation zu Franz Kafkas Sprache(n) zum Schluss, dass es aus heutiger Sicht nicht mehr zu entscheiden sei, ob die Konstruktion mit Präpositionalobjekt [vergessen auf/an + Akk] auf Sprachkontakt mit dem Tschechischen zurückgeführt werden könne. Interessant sind v. a. die beiden Werke, auf die er sich in diesem Zusammenhang bezieht und die eine derartige Kontakterklärung vertreten. Auf der einen Seite handelt es sich um ein Buch aus dem 1884 mit dem Titel Der Kampf um die Sprache, das von dem Prager Theaterkritiker Heinrich Teweles verfasst wurde. Auf der anderen Seite zitiert Blahak einen Aufsatz über grammatische und pragmatische Merkmale des österreichischen Deutsch von Rudolf Muhr aus dem Jahr 1995. Der Artikel fokussiert zwar nicht primär Sprachkontaktphänomene, weist aber doch die Konstruktion [vergessen auf + Akk] als spezifisch für das österreichische Deutsch aus mit der lapidaren Information in Klammern, dass es sich dabei um ein Resultat des Kontakts mit Tschechisch und Slowakisch handle. Auf eine empirische Studie zu dem Phänomen verweist Blahak ebenso wenig wie Zeman.

Allgemeinwissen Sprachkontakt?

Es hat den Anschein, dass zumindest im Zeitraum von 1884 bis 1995, tatsächlich aber bis heute keine einzige valide empirische Studie zum besprochenen Phänomen durchgeführt oder publiziert wurde. Trotzdem wurde unter Verweis auf dieses und andere Phänomene Wissen um den Sprachkontakt des Deutschen in Österreich mit slawischen Sprachen und v. a. dem Tschechischen in der Wissenschaft über lange Jahre tradiert.

Die Kontakterklärungen selbst sind nach Abgleich mit modernen kontaktlinguistischen und soziolinguistischen Erkenntnissen und Theorien teilweise durchaus plausibel. Im Detail erforscht sind sie allerdings nicht. Daraus schließen wir, dass sie in den wissenschaftlichen bzw. genauer gesagt linguistischen Fachkreisen der Zweiten Republik den Status eines Allgemeinplatzes eingenommen haben: Die Geschichte dieser Phänomene wurde von sprachwissenschaftlichen Autoritäten immer wieder und wieder neu erzählt und hat somit Erklärungsmacht gewonnen, obwohl sie sich nicht auf valide Studien bezieht.

Auch wenn Task-Cluster C nicht alle diesbezüglichen Lücken wird füllen können, so möchte es sie mit MiÖ-SAKON zumindest erschließen und Anregungen für künftige Studien geben. In Kooperationsprojekten wie etwa dem CENTRAL-Kolleg werden parallel solche Detailstudien, etwa zum Verb vergessen durchgeführt.

Bisherige Publikationen von Task-Cluster C rund um MiÖ-SAKON

Kim, Agnes (i. Dr.): “Prepositions in the melting pot: High risk of infection. Language contact of German in Austria with Slavic languages and its linguistic and extra-linguistic description“. In: Szucsich, Luka / Kim, Agnes / Yazhinova, Uliana (Hg.): Areal Convergence in Eastern Central European Languages and Beyond. Berlin et al.: Peter Lang (= Linguistik International).

Kim, Agnes / Scharf, Sebastian / Šimko, Ivan (i. Dr.): “Variation in case government of the equivalent for the cognitive verb to forget in German in Austria and Czech“. In: Szucsich, Luka / Kim, Agnes / Yazhinova, Uliana (Hg.): Areal Convergence in Eastern Central European Languages and Beyond. Berlin et al.: Peter Lang (= Linguistik International).

Referenzen

Blahak, Boris (2015): Franz Kafkas Literatursprache. Deutsch im Kontext des Prager Multilingualismus. Köln: Böhlau.

Muhr, Rudolf (1995): „Grammatische und pragmatische Merkmale des österreichischen Deutsch“ In: Muhr, Rudolf / Schrodt, Richard / Wiesinger, Peter (Hrsg.): Österreichisches Deutsch. Linguistische, sozialpsychologische und sprachpolitische Aspekte einer nationalen Variante des Deutschen. Wien: Hölder-Pichler-Tempsky. 208–234.

Newerkla, Stefan Michael (2007): „Areály jazykového kontaktu ve střední Evropě a německo-český mikroareál ve východním Rakousku“ [Sprachkontaktareale in Mitteleuropa und das deutsch-tschechische Mikroareal in Ostösterreich]. Slovo a slovesnost 68. 271–286.

Teweles, Heinrich (1884): Der Kampf um die Sprache. Linguistische Plaudereien. Leipzig: Reißner.

Zeman, Dalibor (2003): Das österreichische Deutsch und die österreichisch-tschechischen Sprachbeziehungen. Ein kulturhistorischer und sprachlicher Abriß. Dissertation. Universität Wien: Institut für Germanistik.

Rahmenkonzept von MiÖ

Zitation
Creative Commons Lizenzvertrag
Agnes Kim, Katharina Prochazka und Stefan Michael Newerkla (2018): MiÖ-Module. In: DiÖ-Online.
URL: https://dioe.at/details/
[Zugriff: 25.05.2019]