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25. April 2018
Gesamt-SFB – Blog

Facettenreicher DoktorandInnen-Workshop

„Nach russischem Rezept zu viel Maggi in der Suppenschüssel? – Das ist mir powidl, ich habe den Teller bereits leer geschleckt“

Keine Sorge, hierbei handelt es sich weder um schizoide Selbstgespräche noch inhaltsleere Sprachexperimente, vielmehr kann das oben Geschriebene – mit etwas Phantasie – als roter Faden des diesjährigen vielfältigen Workshops "Sprachwissenschaftliche Dissertationsprojekte der Wiener Germanistik – and friends" interpretiert werden.

Erster Streich...

 

Der jährlich wiederkehrende Workshop für NachwuchswissenschaftlerInnen der sprachwissenschaftlichen Germanistik und verwandter Disziplinen durfte heuer vom 22.-23. März 2018 ein weiteres Mal auf die Räumlichkeiten des Instituts für Schallforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien zurückgreifen. Passend zu den gebäudetechnischen Gegebenheiten bildeten die Vorträge zu „Phonetik und Phonologie“ die erste Sektion des Workshops. Mit Johanna Fanta, Nicola Klingler und Michael Riccabona erfolgten hierbei vor allem variationslinguistische Analysen zur Dialekt-Standard-Achse im ländlichen Raum Österreichs, zu den Wiener Varietäten und zu Intonationsunterschieden zwischen Nord- und Südtirol, welche von Hannah Leykums Interesse am Wahrnehmungsvermögen von Ironie unter Chochlea-Implantat-TrägerInnen ergänzt wurde. Die Erkenntnisse zur Vokal- und Konsonantenquantitäten anhand des phonetischen Minimalpaar „Maggi-Maki“ kann hier retrospektiv als Auftakt eines wohl unbewussten, doch wiederkehrenden Kulinarik-Bezugs gewertet werden, der den Workshop im Folgenden begleitete.

 

Technisch ging es im Anschluss mit dem Panel zu „Digital Humanities“ weiter, in welchem Lisa Nußbaumer Probleme der Mensch-Maschine-Interaktion aufwarf und Melanie Seltmann über (automatisierte) Annotationen nonstandardsprachlicher Daten berichtete.

War der erste Hunger vorerst gestillt, folgten nach dem Mittagessen im „Genderlinguistik“-Panel zunächst die Ausführungen Égor Lykovs zur „weiblichen Scham“ in ausgewählten Novellen Stefan Zweigs und die diskursanalytischen Überlegungen von Hannah Alker-Windbichler zur geschlechtergerechten Sprache in österreichischen Printmedien und ihren entsprechenden Online-Auftritten. In der Sektion des „(Fremd-)Spracherwerbs I“ spielte bei Marina Čamber insbesondere der Bildungshintergrund kroatisch-deutscher Eltern auf den bilingualen Erstspracherwerb eine Rolle, im Anschluss traten bei Julia Forster erneut phonetisch-phonologische Parameter bei der Aussprache der französischen Liaison unter Wiener SchülerInnen hinzu.

Im Panel „Einstellung und Perzeption“ wurde durch Réka Miskei die Perspektive auf die Spracheinstellungen angehender GrundschullehrerInnen gelenkt, um schließlich im Dissertationsprojekt von Lisa Krammer der attitudinal-perzeptiven Dimension von Sprache an Universitäten größere Beachtung zu schenken. Durch den krankheitsbedingten Ausfall von Wolfgang Koppensteiner, ward im Anschluss dem kulinarischen Höhepunkt des Tages freigegeben: Das Conference Dinner im Gasthaus Sperl mit Wiener Schnitzel und Gnocchi.

  

...und der zweite folgt sogleich

Den Auftakt des zweiten Workshop-Tages bildete Gulnur Erni-Toyalieva im zweiten Teil des (Fremd-)Spracherwerb-Panels mit dem Schwerpunkt auf alleinstehende Eltern(teile) und deren Erziehung ihrer zwei- und mehrsprachigen Kinder. Von lukullischer Begeisterung zeugten insbesondere die folgenden Vorträge der Sektion namens „Sprachgeschichte & Historischer Sprachkontakt“, in denen sich zunächst Fabian Fleißner metaphorisch für die soziolinguistische Auffassung des deutschen Sprachwandels im Frühmittelalter als westgermanische Suppenschüssel aussprach und Dominique Sundt die Konstruktion nationaler Identitäten anhand zweier russischer Kochbücher verdeutlichte.

Dass Sprachwissenschaft insbesondere im Zuge von Sprachkontakt mit Ernährung in Verbindung stehen kann (und sollte?), wurde darüber hinaus durch Agnes Kims Vortrag „Von Powidl, Kroaten und Wörterbüchern“ zur Konstruktion des „Slawischen im Wienerischen“ deutlich. Katharina Prochazka erweiterte die Erkenntnisse zum Sprachkontakt um statistische Daten zum Sprachgebrauch deutscher Minderheiten in Ungarn aus Volkszählungsdaten der Habsburger-Monarchie. 

Nach einer kürzeren Mittagspause, beschäftigte sich zu guter Letzt das „Morphologie & Syntax“-Panel in den Beiträgen von Pamela Goryczka und Anja Wittibschlager vor allem mit Possessiv-, Passiv und Progressivkonstruktionen und deren Dynamik auf der Dialekt-Standard-Achse. Die grammatische Realisierung von Nahrung bzw. Nahrungsaufnahme spiegelte sich schließlich in Gabor Fónyads Vortrag zur Besonderheit sekundärer Prädikate im Deutschen wider in Form von Beispielkonstruktionen wie „den Teller leer essen“, der auch den Abschluss des Workshops bildete.

 

Das Kulinarische bildet natürlich lediglich retrospektiv für den/die interessierte LeserIn dieses Blogbeitrags ein skurriles Verbindungsstück zwischen den höchst unterschiedlichen Beiträgen unseres diesjährigen Workshops. Fakt ist, dass alle Beiträge einen faszinierenden Ausschnitt des Gesamtsystems „Sprache“ behandeln, dem im Rahmen des Workshops in vielfältiger Weise Beachtung geschenkt werden konnte!

An dieser Stelle sei noch einmal ein herzlicher Dank an alle TeilnehmerInnen, die ZuhörerInnen und DissertationsbetreuerInnen, alle studentischen Hilfskräfte und Mitwirkenden sowie dem Raum-Koordinator der Wohllebengasse ausgesprochen. Wir wünschen dem wissenschaftlichen Nachwuchs gutes Gelingen für die individuellen Qualifikationsarbeiten und freuen uns auf’s nächste Jahr, auf einen ebenso guten, leckeren und g’schmackigen DoktorandInnen-Workshop!



Zitation
Creative Commons Lizenzvertrag
Fanta, Johanna / Wittibschlager, Anja (2018): Facettenreicher DoktorandInnen-Workshop. In: DiÖ-Online.
URL: https://dioe.at/details/artikel/1149/
[Zugriff: 23.05.2018]
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