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16. November 2018
Gesamt-SFB – Blog

Ein Rückblick auf die Urban Language Research 2018

Warum ich so viel Kaffee trinke – ein Geständnis

„Nicht schon wieder ein Tagungsbericht!“ – denken sich Lesende vielleicht (danke, dass du trotzdem vorbeischaust)! Ich habe mir gedacht: „Nicht schon wieder eine Tagung“ – denn, samma si ehrlich, Tagungen bedeuten einfach auch Stress.

Studierende kennen das sehr gut: „Oh nein, ich muss einen Vortrag im Seminar X halten, und das schon in 3 Wochen“, die Vorbereitung beginnt dann häufig am Abend vorher – oder bei Abendverstanstaltungen vielleicht am Morgen des Referatstags (natürlich unterstelle ich hier Studierenden etwas, was sie gar nicht machen – niemals). Was Studierende oft nicht wissen: Ihren Dozentinnen und Dozenten geht es genauso.

Ich also etwa 6 Wochen vor der gegenständlichen Tagung im Zug zurück aus Marburg, wo ich gerade auf der IGDD ein paar Präsentationen halten durfte: „Oh nein, ich muss noch die Vorträge für Graz vorbereiten, die ist schon in 6 Wochen“. (Evtl. habe ich das zu einer echten Person gesagt, vielleicht aber auch nur zu mir.) Der Parallelität entsprechend müsste ich jetzt natürlich davon schreiben, wie ich am Vorabend die Vorträge vorbereitet habe, allerdings wäre das nicht richtig. Gezwungenermaßen begannen die Vorbereitungen recht bald nach dem zitierten (Selbst-)Gespräch. Denn zwei meiner Vorträge waren Duetts (vielen Dank, Anja und Wolfgang!) – spätestens, wenn man zu zweit an einer Präsentation arbeitet, funktioniert die Vorbereitung am Vorabend nicht mehr. (Dabei verheimliche ich gerne, dass wir natürlich noch am Vorabend (bzw. während des Vortrags vor unserem Vortrag), an den letzten Folien gesessen sind, natürlich nur, um sie zu perfektionieren.)


 


Hör endlich auf zu sudern!

Am 1. November 2018 beginnt also die 3-tägige „Urban Language Research: Variation – Contact – Perception“-Tagung (kurz und liebevoll: ULR) in Graz. Richtig: Das ist in Österreich ein Feiertag. Mein lieber Kollege und ein Organisator der Tagung, Herr Professor Ziegler wird – trotz Müdigkeit – auch nicht müde, das am ersten Tag gelegentlich zu erwähnen. „Eigentlich habe ich ja frei, aber ...“ – aber was tut man nicht alles für die Wissenschaft? Und was tut man nicht alles für die Stadtsprachenforschung? Eben.


 


An Allerheiligen sitzen also ein ganzer Haufen internationaler linguistischer Fachleute im wunderschönen Bankettsaal des Meerscheinschlössls in Graz und lauschen dem ersten Plenarvortrag über räumliche und soziale Sprachgebrauchsmuster in Städten und Dörfern in Ontario (von Sali A. Tagliamonte). Was sie verbindet, ist nicht nur Müdigkeit, sondern sicherlich auch ihr Interesse für den Zusammenhang von Gesellschaft und Sprache, wofür „Städte“ ein ideales „Labor“ sind.

Städte sind nicht nur gesellschaftlich, politisch, ökonomisch, sondern eben auch sprachlich äußerst komplex. Dementsprechend bieten sie vielseitige Untersuchungsmöglichkeiten. Zum Beispiel zum Sprachkontakt bzw. zur Mehrsprachigkeit, zum Verhältnis von Sprache und Identität, zu Schrift im öffentlichen Raum (Linguistic Landscaping), zum Sprachgebrauch verschiedenster sozialer Gruppen, zu sprachlichen Veränderung, zu Spracheinstellungen, zu Citizen Science ... – und das alles auf Ebene verschiedener Standardsprachen („Hochsprachen“), aber auch der Dialekte und allem dazwischen. Aber auch über die Stadtgrenzen hinaus, sind sie wichtig: Städte sind häufig „Motoren“ sprachlichen Wandels, sie sind oft progressiver im Sprachgebrauch als ländliche Regionen und beeinflussen diese. Einerseits finden Angleichungsprozesse statt, andererseits werden städtische „Sonderformen“ gebildet, die Bewohnerinnen und Bewohner insbesondere zur Identifikation nutzen können – kurzum: Städte sind spannend. Spätestens jetzt wissen aufmerksame Lesende, dass ich meine Dissertation im Bereich der Stadtsprachenforschung schreibe.

Zu all den genannten Perspektiven und Teilbereichen der Stadtsprachenforschung präsentieren auf der ULR Expertinnen und Experten ihre Untersuchungen, sodass sich auch der Feiertagseinsatz (plus einem Samstag!), der Stress und die Müdigkeit lohnen. Außerdem gibt es am ersten Tag frisch gebrannte Maroni, am zweiten ein Konferenzdinner-Buffet und am dritten einen Ausflug in einen steirischen Buschenschank.


 


Berliner Wochenmarkt, der Ruhrpott und die Briten

Um nicht zu sehr zu den kulinarischen Vergnüglichkeiten abzudriften und auch mal über den DiÖ-Tellerrand (doch kulinarisch?) hinauszublicken ein paar Beispiele für Projekte, die mir besonders gut in Erinnerung geblieben sind (alle hier nicht erwähnten, waren natürlich auch spannend, aber der Platzmangel ...):

Die Kolleginnen und Kollegen vom Projekt A01 zu sprachlichen Ressourcen in urbanen Kontexten des SFB 1287 „Limits of Variability in Language“ an der Universität Potsdam untersuchen die vielseitige sprachliche Situation an einem Berliner Wochenmarkt. Irem Duman und der Serkan Yüksel können in zwei Präsentationen zeigen, dass an einem Ort, der selten für linguistische Untersuchungen herangezogen wird, ein vielschichtiges Geflecht verschiedenster Sprachen vorliegt: Einsprachigkeit ist hier die Ausnahme – und die Verkäuferinnen und Verkäufer gehen sehr flexibel mit verschiedenen Sprachen auf ihre Kundinnen und Kunden ein. Deutsch bleibt dabei die „lingua franca“ des Marktes, aber andere Sprachen helfen zur Identifikation, schaffen Nähe zur Kundschaft und machen die besondere Klanglandschaft des Straßenmarkts aus.

Evelyn Ziegler von der Universität Duisburg-Essen präsentiert Ergebnisse aus einem ebenso großangelegten und interdisziplinären Projekt: Metropolenzeichen. Das Projekt beschäftigt sich mit einem größeren Raum und zwar der größten deutschsprachigen Metropolregion überhaupt, dem Ruhrgebiet. Anhand von Schriftzeichen im öffentlichen Raum (Plakate, Hinweisschilder, Graffiti, Sticker, Geschäftsschilder, ...) untersucht das Projekt die visuelle Mehrsprachigkeit in dieser Region. Die „schriftsprachliche Landschaft“ spiegelt dabei sowohl ökonomische als auch soziale Realitäten oder besser: Einstellungen wieder.

Als letzter (quasi krönender) Plenarvortrag der Tagung stellt David Britain von der Universität Bern Ergebnisse aus seinen Untersuchungen zu süd-ost-englischen Dialekten vor. Nicht nur wegen Daves einmaligen Vortragsstils, sondern auch wegen der besonderen Ergebnisse, müssen diese Briten hier erwähnt werden: Denn sie verhalten sich zumindest linguistisch kontra-intuitiv. Während man – wie oben geschrieben – meistens davon ausgeht, dass gerade in den Städten der Sprachgebrauch progressiver ist, also durchsetzt von neueren Formen bzw. häufig auch näher an der entsprechenden Standardsprache ist, zeigen seine Daten ein konträres Bild: Gerade in den urbanen Räumen lassen sich die „dialektaleren“ Formen finden, wohingegen das rurale Umland „neue Formen“ verwendet. Dies wiederum lässt sich auf einen „Stadtflucht“-Trend der klassischen Trägergruppe der progressiven Formen zurückführen. (Stark vereinfacht, aber wer mehr wissen will, sollte eh bei Dave nachlesen!)


 


Was am Ende bleibt – Epilog

Am Anfang war der Stress – aber am Ende bleibt ... Eigentlich bleiben vor allem mehr Fragen, die sich durch die vielen neuen Impulse ergeben haben. Mehr Fragen bedeutet mehr Arbeit, mehr Arbeit bedeutet mehr ... na gut, so soll das nicht enden. Wie das Ganze enden soll ist natürlich so: Die ULR-Tagung in Graz war für mich nicht nur sehr arbeitsintensiv, sondern auch sehr lehrreich, sehr vielseitig, koffeinhaltig und schließlich sehr lohnend – und dabei habe ich die vielen wichtigen Kaffeepausen noch gar nicht erwähnt.

Vielen Dank an die Kolleginnen und Kollegen in Graz, die so fleißig organisiert haben.


 




Zitation
Creative Commons Lizenzvertrag
Breuer, Ludwig Maximilian (2018): Ein Rückblick auf die Urban Language Research 2018. In: DiÖ-Online.
URL: https://dioe.at/details/artikel/1556/
[Zugriff: 19.12.2018]
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