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15. März 2019
Cluster B – Blog

Alles hat ein Ende nur das Erheben nicht…

Von Wortspenden und Wortspaltereien

Zack, zack: Check. Check. Check.

„ID 4085“, tippe ich. Dann „MÖD“, dann „alt“, dann „m“, darauf ein Mal „AI“, ein Mal „NUS“.

So hat alles seine Ordnung.

Ich bin soeben von einer meiner Erhebungsreisen zurückgekehrt. Spät ist es, schon finster. Alle übrigen Büros sind bereits in Feierabend-Modus, sprich: leer; ich müde, aber motiviert: der erbeutete Ertrag, den ich mitgebracht habe, soll nicht bis morgen warten müssen. Freilich würden sowohl SD-Karte als auch die sorgfältig in Mappen gelagerten Papierbögen die frisch gesammelten Daten sicher bis zum nächsten Tag verwahren, aber nein: die Mission gilt mir erst als erfolgreich abgeschlossen, wenn die aufgezeichneten Gespräche und ausgefüllten Fragebögen ordentlich organisiert, strukturiert und archiviert sind - sowie zumal zuvor geprüft: Sind alle Audio-Files da? - Check. Ist die Qualität der Aufnahmen in Ordnung? - Check. Sind die Handschriften in den Fragebögen lesbar? Check (na freilich: das in früheren Studententagen eingeübte Entziffern alter Schriftzeichen macht sich auch beim Lesen zeitgenössischer Handschriften noch bezahlt – kein noch so exzentrischer Bogen, keine originellen Kanten vereiteln die Entschlüsselung (soll noch einmal jemand behaupten, paläographische Fertigkeiten sind nichts wert)).

Erwachen aus der Datenlogistik-Trance

Dann also weiter in der Routine: Duplikation - Backup - Protokollieren - Übertragen - etc. etc. - speichern hier, löschen dort (und nur ja immer in der richtigen Reihenfolge).

  Vor der Bearbeitung des nächsten Packens an Material meines zweiten Informanten ein Schluck Kaffee - so sehr die erfolgenden Arbeitsschritte nach mechanischem Abarbeiten klingen, so dringend ist hierbei Sorgfalt, Achtsamkeit und Konzentration gefragt. Aber da lenkt das Kaffeehäferl, das doch die weitere Fokussierung auf produktive Tätigkeiten sicherstellen sollte, die Gedanken ab und zieht sie schwungvoll ganz weit weg von den Daten, Zahlen und Skalen. Das Häferl ist nämlich etwas Besonderes: nicht, weil es diverse Heißgetränke bergen kann, die zu beruhigen, aufzumuntern oder aufzuputschen vermögen (was in unserem Job wechselweise ausgesprochen wichtig sein kann), sondern weil es ein Geschenk einer meiner Informantinnen ist. Nun liegt mir grundsätzlich auch gar nicht viel am Beschenkt-Werden, aber das Häferl fungiert quasi als Portal: es stößt immer wieder den gedanklichen Übersprung an – von den Daten, welche die essentielle Basis unserer Forschung darstellen (allen voran die Gesprächsaufzeichnungen) zu den Daten-, Ton- und Wortspendern: den Menschen, denen wir diese Basis verdanken.

Der Nachhall von der anderen Seite

In der Datenbank gespeichert bleiben Identifikationsnummern und Kürzel-Folgen, kühl, nüchtern, anonym. Für mich aber bleibt in meinem Gedächtnis unlöschbar ein Echo gespeichert, ein Eindruck der Charaktere, ein Abdruck, den die Persönlichkeiten hinterlassen haben. Viel Lachen, viele Denkanstöße, viel geteilte Lebenserfahrung, gemischt mit Erinnerungen an Informantinnen und Informanten, die mich von der ganz, ganz falschen Bushaltestelle abholen, Informantinnen und Informanten, die mich an Tische bitten, die sich unter Kekstürmen biegen, Informantinnen und Informanten, die mir nachträglich unbekannt gewesene Fast-Verwandtschaftsverhältnisse eröffnen, Informantinnen und Informanten, die mir Postkarten schreiben oder Weihnachtsgrüße zukommen lassen, Informantinnen und Informanten, die mich über ungeahnte historische familiäre Bekanntschaftsverhältnisse aufklären, Informantinnen und Informanten, die aufmerksam jede Pressemitteilung über uns verfolgen, Informantinnen und Informanten, die auch gern einmal die DiÖ-Blogeinträge lesen...

 

Was aber freilich auch die Datenbank birgt und bewahrt, sind die vielen Stimmen mit einer Bandbreite an Färbungen und Eigenheiten. Und während wir dann an den Gesprächen Wortspaltereien betreiben, indem wir die Tonaufnahmen in Segmente teilen, um diese systematisch zu analysieren, steckt uns immer wieder einmal das in den Gesprächsaufzeichnungen in vielen Schattierungen enthaltene Lachen unserer Informantinnen und Informanten an.

Edler, Stefanie

Alles hat ein Ende…

…sogar die Erhebungen in den Teilprojekten 03/08 (Die Erhebungen von PP03/08 in Zahlen)

Im Team aus 6(+) Exploratorinnen und Exploratoren (sprich Personen, die die Erhebungen durchführen) konnten die beiden Teilprojekte 03 und 08 gemeinschaftlich bereits das Erhebungsziel (allerdings mit kleineren Ausnahmen, die noch ein bisschen Geduld und eine akribische Suche nach idealen Informantinnen und Informanten bedürfen) erreichen.

Stolze 84 Erhebungsreisen im Zeitraum von 25.11.2016 bis 13.04.2018 in alle 9 Bundesländer, 13 Erhebungsorte (Allentsteig, Gaweinstal, Hüttschlag, Neckenmarkt, Neumarkt a.d. Ybbs, Oberwölz, Passail, Raggal, Steyrling, Taufkirchen a.d. Pram, Tarrenz, Tux, Weißbriach) und rund 150 Gewährspersonen später halten wir stolz unser Korpus in Händen - beziehungsweise blicken wir auf einen etwa 1TB großen Datenordner in unserer Cloud. Dieser Ordner enthält grob geschätzte 600 Stunden Sprachaufnahmen und weitere aberhunderte gescannte Fragebögen, die von den Informantinnen und Informanten ausgefüllt wurden.

Die Anzahl der geleerten Kaffeetassen und verdrückten Kuchenstücke, mit denen uns unsere gastfreundlichen Informantinnen und Informanten verwöhnt haben, kann leider rückblickend nicht mehr rekonstruiert werden, dennoch versüßten sie uns (im wahrsten Sinne des Wortes) die langen Stunden der Erhebungen. Dafür und natürlich für die breiten Einblicke in ihre Sprache und die vielen Anekdoten und Listen an Dialektbegriffen (unser Wortschatz ist nun um einige Begriffe reicher, wie etwa gschnachts (’nächtens’, gebräuchlich im Tuxertal), netta (’gerade’, gehört bei unseren Hüttschlager Informantinnen und Informanten), eppas (’etwas’, unter anderem in unseren Erhebungsorten in Raggal und Tarrenz weitverbreitet) und unzählige mehr) möchten wir uns an dieser Stelle noch einmal herzlich bei all unseren Informantinnen und Informanten bedanken!

Wittibschlager, Anja



Zitation
Creative Commons Lizenzvertrag
Edler, Stefanie; Wittibschlager, Anja (2019): Alles hat ein Ende nur das Erheben nicht…. In: DiÖ-Online.
URL: https://dioe.at/details/artikel/1839/
[Zugriff: 22.09.2019]
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