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15. April 2019
Cluster B – Blog

Wie kommen eigentlich die Wörter ins Wörterbuch? – Ein Bericht aus der WBÖ-Werkstatt

 

Liebe Leserinnen und Leser, 

jede/r von Euch weiß natürlich, was ein „Ferkel“ ist, und auch das Wort „abgefeimt“ ist sicherlich den meisten von Euch geläufig, auch wenn Ihr es vielleicht seltener verwendet. Wie aber steht es um die verwandten Wörter „Fack“ und „Feim“? Ausgesprochen z.B. als Fock oder Foam bzw. Faam bekommt man sie eher zu hören als zu lesen, weil Dialekte traditionell gesprochen und weniger verschriftlicht werden. (Dialekt)wörter dieser Art findet man im „Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich (WBÖ)“, um das es in diesem Beitrag geht. 

Vorab möchte ich noch auf eine Frage eingehen, die sich manche/r vielleicht stellt: warum wir nämlich in Österreich die „bairischen“ Mundarten untersuchen. Hier muss man klar unterscheiden zwischen „bayerisch“, was sich auf das Bundesland Bayern bezieht, und „bairisch“, womit die Dialekte gemeint sind, die sowohl in Bayern als auch in den meisten Teilen Österreichs (bis auf Vorarlberg) und in Südtirol gesprochen werden sowie noch resthaft in angrenzenden Regionen wie Südböhmen oder in norditalienischen Sprachinseln (z.B. Lusern im Trentino) vorhanden sind. 

Kommen wir nun aber zum eigentlichen Thema, nämlich dem Wörterbuch, den darin enthaltenen Wörtern und der Frage, wie die Wörter ins Wörterbuch gelangen. Dafür muss man jedoch etwas weiter ausholen.

Aller Anfang ist mühsam …

Die Gründung des Wörterbuchunternehmens, auf dem das WBÖ beruht, geht auf das Jahr 1913 zurück, d.h. wir blicken bereits auf über 100 Jahre Geschichte zurück. Damals wurde gemeinsam von den Akademien der Wissenschaften in München und Wien der Beschluss gefasst, ein Dialektwörterbuch des bairischen Sprachraums zu schaffen. Zu diesem Zweck benötigte man natürlich sprachliches Material als Grundlage. Deshalb wurden in den folgenden Jahrzehnten freiwillige Sammlerinnen und Sammler gesucht, die mithilfe von Fragebögen den gesamten Dialektwortschatz erheben sollten. 

  Ein Beispiel seht Ihr in Fragebogen Nr. 69 zum Thema „Schweinezucht“. Hier wurde nicht nur nach allgemeinen Ausdrücken für das Hausschwein oder etwa das männliche oder das weibliche Schwein gefragt, sondern darüber hinaus nach Redewendungen oder Schimpfwörtern im Zusammenhang mit „Schwein“, nach Schweinerassen, nach Ausdrücken für die Gestalt und Färbung der Schweine, nach dem Schutzpatron der Schweine, nach Bezeichnungen für halbwüchsige Schweine, saugende Ferkel, entwöhnte Ferkel … Alles eben, was man sich im Zusammenhang mit dem Thema „Schweinezucht“ vorstellen kann (und noch vieles mehr). 

Die Antworten auf diese Fragen wurden auf kleine Handzettel (siehe Abbildungen) geschrieben und zurück in die Kanzleien nach München und Wien geschickt. Nach jahrzehntelanger Arbeit entstand auf diese Weise eine Sammlung von ca. 3,6 Millionen Handzetteln – unsere empirische Grundlage für die Wörterbucharbeit.

Vom Handzettel zur Datenbank

Dass die Arbeit mit den handgeschriebenen Zetteln mühevoll und zum Teil auch sehr umständlich ist, kann man sich leicht vorstellen. Dies liegt nicht nur daran, dass es nicht immer einfach ist, die Handschriften zu entziffern, sondern man zur Beschreibung mancher Wörter mehrere Hundert, teilweise sogar mehrere tausend Belege, also Zettel verarbeiten muss. Zwar gibt es viele Wörter, die nur selten vorkommen und sich daher auch schnell bearbeiten lassen, aber das Verb „kommen“ beispielsweise umfasst schon knapp 6.000 Belege – und dabei sind Wortbildungen wie „ankommen“, „auskommen“ oder „umkommen“ noch nicht einmal mit eingerechnet. 

        Um in solchen Fällen nicht in einem Meer von Handzetteln zu versinken oder Tage damit zu verbringen, die Zettel zu sortieren, wurde Anfang der 1990er-Jahre von der Redaktion beschlossen, die Zettelsammlung zu digitalisieren. Da dies nicht automatisch möglich war, mussten alle Zettel von Hand abgetippt werden, was dann auch knapp 18 Jahre dauerte. Zwar war der Aufwand beträchtlich, aber gelohnt hat sich das Ganze auf jeden Fall: Es lässt sich zweifellos viel einfacher mit einer Tabelle arbeiten (selbst, wenn diese 6.000 Zeilen umfassen sollte) als mit Bergen von Papierzetteln. Außerdem lässt sich die Datensammlung in dieser Form online bereitstellen und ist so – im Gegensatz zum Handzettelkatalog – einem breiten Publikum zugänglich.

Von der Datenbank zum Wörterbuchartikel

Nachdem wir uns jetzt ausführlich mit allen Vorbereitungen beschäftigt haben, bleibt noch die wichtigste Frage zu klären: Wie entsteht mit all diesem Material der konkrete Wörterbuchartikel?

Zu diesem Zweck durchsuchen die Lexikographinnen und Lexikographen (das sind wissenschaftliche Wörterbuchredakteurinnen und -redakteure) systematisch alle Datenbankeinträge zu einem bestimmten Stichwort nach denjenigen Informationen, die für den jeweiligen Abschnitt des Wörterbuchartikels relevant sind. Zu diesen Abschnitten gehören – neben den verschiedenen Bedeutungsvarianten, die zentral für ein Wörterbuch sind – Angaben zur Aussprache, zur Grammatik, zur geographischen Verbreitung, zu komplexen Wörtern und zu Redewendungen. Die Informationen müssen dann im Einzelnen geprüft, ggfs. zusammengefasst und in das richtige Format für den Artikel gebracht werden. Konkret bedeutet das z.B. für die Lexikographin bzw. den Lexikographen bei der Bearbeitung des Artikels „Feim“, aus einer Liste von Belegen, in denen Angaben wie „Butterschaum beim Zerlassen“, „Schaum, der sich beim Aussieden von Butter bildet“, „Gischt an der Oberfläche, wenn man Butter aussiedet“ etc. die Bedeutungsangabe ‚Schaum beim Zerlassen der Butter‘ herauszudestillieren. Dabei handelt es sich übrigens nur um eine von vielen Bedeutungsvarianten – daneben kann „Feim“ auch ganz allgemein ‚Schaum‘ bedeuten (man vergleiche dazu das englische Wort foam) inkl. Unterbedeutungen wie ‚Bierschaum‘, ‚Seifenschaum‘ oder ‚Gischt‘, aber auch Körpersekrete bezeichnen (wie ‚Speichel‘, ‚Geifer‘ oder einfach ‚Schleim‘) sowie eine ‚dünne Wolkendecke‘ oder eine ‚neue, ganz dünne Schneeschicht‘. Ein schönes Beispiel für den Variationsreichtum, der sich in den Dialekten verbirgt!

Wo findet man das alles?

Während die ersten fünf Bände, die die Buchstaben A, B/P, C, D/T und E umfassen, in gedruckter Form vorliegen, wagen wir mit der aktuellen WBÖ-Neukonzeption den Sprung ins digitale bzw. Internet-Zeitalter. Seit kurzer Zeit existiert die erste (aktuell noch passwortgeschützte) Version unseres „Lexikographischen Informationssystems Österreich (LIÖ)“, in dem nicht nur unsere Artikel ab F publiziert werden, sondern auch die Belegdatenbank durchsucht werden kann. Wen es interessiert, kann gerne einmal einen Blick darauf werfen oder sich auf unserer Projektseite ausführlicher informieren. 

Es gäbe noch viel mehr über das Wörterbuch zu erzählen, aber das spare ich mir für den nächsten Beitrag auf – dann sind wir vielleicht schon beim Buchstaben G! 



  Philipp Stöckle

ist assoziiertes Mitglied beim SFB "Deutsch in Österreich" und seit November 2016 redaktioneller Leiter des "Wörterbuchs der bairischen Mundarten in Österreich (WBÖ)", das an der Abteilung 'Variation und Wandel des Deutschen in Österreich' des 'Austrian Centre for Digital Humanities (ACDH)' an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften angesiedelt ist. Seine Freizeit verbringt er am liebsten mit seinen Söhnen, oder er lädt FreundInnen zu brasilianischem Essen ein.



Zitation
Creative Commons Lizenzvertrag
Philipp Stöckle (2019): Wie ein Dialektwörterbuch entsteht. In: DiÖ-Online.
URL: https://dioe.at/details/artikel/1963/
[Zugriff: 25.04.2019]
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