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15. Oktober 2019
Cluster B – Blog

Besessen. Von einer, die auszog, die Possession zu erkunden.

  Keine Angst. Die Besessenheit von der in diesem Beitrag eigentlich die Rede sein wird, hängt nur sehr wenig mit jener zügellosen und weitgehend unbeherrschten Leidenschaft zusammen, die hin und wieder aufflammt, wenn wir neue Folgen unserer Lieblingsserie auf Netflix sehen. Ebenso wenig handelt es sich um die Rezension eines Horrorfilms, auch wenn dies in der Vorhalloweenzeit gar nicht so unangebracht wäre. Im Hauptquartier des DiÖ Teilprojekts PP03  in der Porzellangasse werden in der Regel keine Geister exorziert. Heraufbeschwört – um es etwas sprachwissenschaftlicher zu formulieren: elizitiert – wurden allerdings Sprachdaten von über 130 Informantinnen und Informanten aus 13 ländlichen Gebieten in Österreich, die von uns nun aufbereitet und analysiert werden.

Wie wir an diese Daten kommen, wurde bereits in einem Beitrag von Stefanie Edler und Anja Wittibschlager ausführlich beschrieben. Was wir mit diesen Daten im Teilprojekt PP03 unter anderem machen können, hat mein Kollege Florian Tavernier, der sich als Phonetiker mit der Aussprache von sprachlichen Einheiten beschäftigt, recht anwenderbezogen geschildert (Stichwort „Domate“). Einer der wohl bemerkenswertesten Vorteile des Projekts DiÖ besteht jedoch darin, dass die erhobenen Daten aus verschiedenen Perspektiven analysiert werden können.

Adnominale Possession – Willkommen im Gruselkabinett!

Mein Forschungsinteresse gilt dabei einem Phänomenbereich, der sowohl für die Syntax, also die Lehre vom Satzbau, als auch für die Semantik, jenem Teilgebiet der Sprachwissenschaft, das sich der Bedeutung von sprachlichen Zeichen widmet, interessant ist. Um es besonders dramatisch auszudrücken: Ich bin nun bereits seit zwei Jahren von adnominaler Possession besessen. Mit „Besitz“ hat diese Verwendung des mehrdeutigen „besessen“ im ersten Moment scheinbar recht wenig zu tun. Der Begriff „Possession“ hingegen schon eher. Ganz intuitiv wird dieser in erster Linie mit Eigentumsverhältnissen in Verbindung gebracht. Man äußert Sätze wie "Der Bundespräsident hat ein großes Haus" oder "Anna besitzt ein Grundstück am Land" und stellt somit eine possessive Beziehung zwischen einer Person und einem Gegenstand her. In diesen Äußerungen wird das Besitzverhältnis mit Hilfe der Verben haben und besitzen eindeutig beschrieben. Wie steht es nun aber mit Sätzen wie "Das große Haus des Bundespräsidenten ist abgebrannt" oder "Das Grundstück von Anna befindet sich am Land?" Auch hier besteht zwischen denselben Beteiligten wie zuvor ein Besitzverhältnis, allerdings wird dieses lediglich durch die Verbindung zweier Hauptwörter und entsprechender "Verbindungswörter" (die Präposition von bzw. der Artikel des) hervorgerufen. Im weiteren Sinne werden jedoch zur Possession auch Zugehörigkeitsverhältnisse gezählt, die auf den ersten Blick vermutlich nicht sofort mit dem bisher vorgestellten Konzept in Verbindung gebracht werden würden: "Peters Vater ist Arzt" oder "Ein Roboterbein unterscheidet sich eindeutig vom Bein einer Puppe". Auch in diesen Sätzen liegt adnominale Possession zwischen zwei Ausdrücken vor. Peter hat einen Vater bzw. der Vater gehört zu Peter. Zwar liegt kein Besitzverhältnis vor, jedoch zeichnen sich Verwandtschaftsbeziehungen natürlicherweise durch einen hohen Grad an Zugehörigkeit aus. Ebenso sind Körperteile, seien es auch nur die eines Roboters oder einer Puppe, untrennbar mit der Person bzw. dem Objekt verbunden, zu dem sie gehören. Interessant ist daher nicht nur die Frage danach, wie ein possessives Verhältnis ausgedrückt wird, sondern auch welche Art von Possession eigentlich gemeint ist. Gerade dieses Ineinandergreifen von gleich zwei wichtigen linguistischen Teilbereichen (Syntax und Semantik) bewegte mich dazu, mich im Rahmen meiner Masterarbeit intensiver mit der Thematik zu beschäftigen.

Von der Seminarteilnehmerin zur Studienassistentin – garantiert keine Schreckensgeschichte

Ich gebe zu, meine Aussage entspricht nicht vollständig der Wahrheit. Eigentlich gab es eine bestimmte Konstruktion, die meine Begeisterung geweckt hat. Oder anders gesagt: Der Autorin ihre Masterarbeit wäre ohne des sogenannten „possessiven Dativs“ nur halb so spannend geworden. Diese Variante, bestehend aus einem Nomen im Dativ, das für den Besitzer oder die Besitzerin steht, dem Possessiv sein bzw. ihr und dem besitzenden Gegenstand (also z. B. der Autorin ihre Masterarbeit) fristete lange Zeit ein „Paarzeilendasein“ in den diversen Grammatiken. Dies liegt primär daran, dass die Konstruktion ganz stark in dialektalen Gebrauchskontexten verortet und dementsprechend nicht mit der „Hochsprache“ assoziiert wird. Mittlerweile wagen sich allerdings immer mehr Forscherinnen und Forscher an die Beschreibung des Phänomens, vor allem seit Dialekte an sich wieder mehr in den Mittelpunkt des Forschungsinteresses rücken. Diese verstärkte Hinwendung zu Ausprägungen nicht-"hochsprachlicher" Formen spiegelt sich seit einigen Jahren auch im Lehrveranstaltungsangebot der Universität Wien wider. Die Sprachvariation des Deutschen in Österreich wird regelmäßig in Form von Vorlesungen, Seminaren, Übungen und Konversatorien thematisiert. So wurde auch ich als Studentin des Masterstudiums Deutsche Philologie im Wintersemester 2016 in zwei verschiedenen Lehrveranstaltungen zu meinem späteren Arbeitsthema inspiriert. Im Konversatorium „Grammatikalisierung“ von Prof. Dr. Alexandra N. Lenz kam ich zum ersten Mal bewusst mit dem Vater seinem Hut, dem Löwen seinem Fressen und der Anna ihrem Auto bzw. sogar der Anna seinem Auto in Kontakt. Parallel dazu besuchte ich auch noch das Seminar „Wien(erisch) im gesamtösterreichischen Kontext“ von Prof. Dr. Manfred Glauninger und Mag. Ludwig M. Breuer, in dem wir ermuntert wurden, empirisch zu arbeiten. Als Teil einer Arbeitsgruppe, die sich mit der Transkription von Sprachdaten beschäftigte, erlernte ich unter anderem den Umgang mit der Software EXMARaLDA und konnte schlussendlich meine erste empirische Untersuchung durchführen. Von der Praxisbezogenheit der Lehrveranstaltung profitierte ich schon einige Monate später, als ich auf eine Stellenausschreibung im Rahmen des Projekts DiÖ aufmerksam wurde. Im Juli 2017 wurde ich als Studienassistentin eingestellt und bekam durch die SFB Days sofort einen Einblick in die Strukturen, Ziele und Arbeitsmethoden des Projekts. Besser hätte der Einstieg sicher nicht sein können. Etwa zur gleichen Zeit war für mich klar, dass für meine Masterarbeit nur ein Thema in Frage kommen würde, das sich mit Daten aus dem Projekt empirisch untermauern ließe. Man könnte nahezu von Schicksal sprechen, hatte doch tatsächlich noch keine meiner Kolleginnen bzw. keiner meiner Kollegen an der adnominalen Possession Interesse bekundet. Im August 2017 war mit Prof. Dr. Alexandra N. Lenz, der Leiterin des Projekts, die ideale Betreuerin für meine Arbeit gefunden. So weit, so gut.

Der Weg ist das Ziel

Zu Beginn meines Studienassistentinnen-Daseins setzte ich mich hauptsächlich mit der Transkription gesprochensprachlicher Daten auseinander. Während ich mich in der Arbeit mit der Transkription verschiedenster Phänomenbereiche beschäftigte (z. B. die Verwendung des Konjunktivs, die Steigerung von Adjektiven u. a.), kümmerte ich mich nebenbei um die Transkription meines eigenen Phänomens. Im Frühjahr 2018 hatte ich bereits die ersten sechs von dreizehn Erhebungsorte transkribiert, annotiert und ausgewertet. Richtig Spaß macht Forschung allerdings erst, wenn sie geteilt werden kann bzw. wenn man sich mit Kolleginnen und Kollegen über die Ergebnisse austauschen kann. Eine erste Möglichkeit, dies in einem größeren wissenschaftlichen Umfeld zu erleben, bot sich im Rahmen des 8. Doktorand/innen-Workshops der Sprachwissenschaftliche Dissertationsprojekte der Wiener Germanistik and friends. Meinem ersten offiziellen wissenschaftlichen Vortrag sollte bald das nächste Highlight folgen. Im Mai 2018 fand die dreitägige Konferenz VARIATIONist Linguistics meets CONTACT Linguistics in Ascona (Schweiz) statt. Neben der Unterstützung des Organisationskomitees verschaffte mir die Mitwirkung an der Tagung auch die Möglichkeit, meine Masterarbeit im Zuge einer Posterpräsentation vorzustellen.

 Zu den wichtigsten Erfahrungen, die ich hier sammeln konnte, zählte sicherlich nicht nur die Chance den Konferenzablauf von Beginn bis zum Ende direkt mitzuerleben, sondern auch die Gelegenheit, mich mit vielen anderen (auch internationalen) Linguistinnen und Linguisten auszutauschen und zu vernetzen.  

   

Ausgezeichnet mit einem Special Recognition Prize für mein Poster unter dem Arm ging es dann wieder zurück in die Porzellangasse, um – voll motiviert – die Abschlussphase meiner Masterarbeit in Angriff zu nehmen.

Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast…

Nun ja, vor allem eines: Daten ausgewertet. Konkret bedeutet dies, dass etwa 3500 relevante Antworten, die von unseren Informantinnen und Informanten zum Phänomen „Adnominale Possession“ produziert wurden, kategorisiert, verglichen und interpretiert werden mussten. Viele Excel-Tabellen, Grafiken und schlaflose Nächte später war das 111 Seiten lange Masterarbeitsmonster schließlich besiegt. Die Ergebnisse spiegelten dabei die eingangs erwähnte Vielschichtigkeit des Themengebiets wider, denn es stellte sich heraus, dass nicht nur „innersprachliche“ Faktoren (wie eben z. B. der semantische Relationstyp) die Variantenwahl beeinflussen, sondern auch personenbezogene Merkmale wie Alter, Ausbildungsgrad und Wohnort. So entpuppt sich der „possessive Dativ“ beispielsweise als eine Variante, die nahezu ausschließlich im bairischen Sprachraum vorkommt und vermehrt von älteren Sprecherinnen und Sprechern in informellen Situationen verwendet wird. Als besonders spannend erweisen sich Genitivkonstruktionen wie Peters Hund und der Vater des Mannes, deren Gebrauch in formellen Gesprächssituationen vor allem von jüngeren Sprecherinnen und Sprechern mit Hochschulreife sowie von älteren Personen bevorzugt wird. Beeindruckend ist auch die Tatsache, dass die meisten adnominalen possessiven Verhältnisse – unabhängig von sämtlichen Einflussfaktoren – mit der Präposition von gebildet werden. Konstruktionen des Typs der Hund vom Peter sind somit sowohl in dialektnahen als auch in standardnahen („hochsprachlichen“?) Gebrauchssituationen die beliebteste Variante im Deutschen in Österreich.

Dass das Thema der adnominalen Possession damit trotzdem noch lange nicht ausgeschöpft ist, verdeutlicht die umfangreiche, noch nicht analysierte, Datenmenge, die im Rahmen von DiÖ mittels weiterer Erhebungsmethoden (z. B. Interviews) gesammelt wurde. Die Masterarbeit hat sich mittlerweile also eher als eine Art (harmloser) Zwischengegner entpuppt. Mit diesen Erkenntnissen geht nun auch der (Ex-)Studienassistentin ihr Rückblick zu Ende.



Zitation
Creative Commons Lizenzvertrag
Goryczka, Pamela (2019): Besessen. Von einer, die auszog, die Possession zu erkunden.. In: DiÖ-Online.
URL: https://dioe.at/details/artikel/2145/
[Zugriff: 12.11.2019]
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