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15. Mai 2020
Gesamt-SFB – Blog

Heute war ich nicht auf der Uni, weil das Internet kaputt war. Lagebericht einer Studierenden.

Eigentlich geht‘s mir hier gut. Großes Haus, kleines Dorf. Nach zweimal fragen weiß man schon, wer angesteckt ist und von wem und wieso der Person das eh recht geschieht (hätte man sich doch einmal an die Sonntagsruhe gehalten, man muss ja nicht täglich rasenmähen!)

Der Traum der Philologin

Hypothese: Das müsste doch der absolute Traum der angehenden Philologin sein: Den ganzen Tag zuhause sitzen, wo die ungelesenen Bücher im Regal schon doppelreihig stehen. 

Erkenntnis: Die ersten Tage bin ich zuhause primär gelegen und habe geglaubt, ich sei krank. (Google Suche: „Corona Symptome leicht“.) Dann kam das akribische Zu-jeder-vollen-Stunde-Nachrichten-Hören. Dann die Memes und Witze. Danach das panikerfüllte Annähern an die (damals noch gültigen) Deadlines für Seminararbeiten. 

Stichwort Seminararbeiten – ich soll hier über’s Home-Learning schreiben.

Eckdaten: In meinem Home learne ich Deutsche und Klassische Philologie, kein Lehramt. Außerdem: Keine Kinder, kein Stipendium, kein Erasmus, kaum laufende Zahlungen.

Ich bin, glaube ich, ziemlich genau die Studierende, die sich viele Menschen vorstellen, wenn sie über „die Studierenden“ sprechen. Schon die Tatsache, dass ich die Zeit habe, diesen Text zu schreiben, zeugt von dem unglaublichen Privileg, aus dem heraus ich das jetzt tue. Bis vor ein paar Jahren wäre das auch für mich noch anders gewesen. Dass ich mir heute weder um meinen Job, noch um konkrete Mitmenschen Sorgen zu machen brauche, hat primär mit einem riesen Glück zu tun. Deswegen und trotzdem schreibe ich hier, um einen kleinen Einblick in die momentane Welt meines Studiums zu geben.

Vor Ostern war das Chaos.

Das universitäre Home-Learning passiert seit Mitte März. Seitdem finde ich in meinem Tagebuch Sätze wie „Heute war ich nicht auf der Uni, weil das Internet kaputt war“. Seitdem wohnen meine Dozentinnen und Dozenten im Laptop, sprechen zu mir aus Buchkapiteln und Skripten. Vor Ostern war das Chaos. Nicht (nur) von Lehrenden-Seite, sondern auch und besonders in mir. Vor Ostern war stundenlang Radio, stundenlang Sport, stundenlanges Spazierengehen, alles nur nicht stundenlang lernen. Wieso?

Wie jede Beziehung funktioniert die zur Uni auch am besten für mich, wenn sie eine zweiseitige ist. Wenn ich mitreden, mitgestalten kann. Das ist in einem Massenstudium wie dem meinigen ohnehin schon eine Herausforderung. Aber man lebt sich ein. Man interpretiert den Unibetrieb so, als ob man nicht größtenteils spurlos an ihm vorbeiginge: „Das ist mein Stammplatz in der Bib, meine Lieblingsbank im Hof, das ist der Seminarraum in dem ich am häufigsten bin, ...“ Was bleibt, wenn man nicht mehr auf der Uni mittagisst, lernt und zufällig im Lift die Lieblingskollegin oder den Lieblingskollegen trifft?

Auf den ersten Blick bleibt ein Berg aus Texten und Inhalten, alle im gleichen Format zugestellt (also über Moodle oder per Mail). Bewältigbar, aber nicht attraktiv, nicht flexibel, unbeeindruckt von den Versuchen, die eigenen Erfahrungen dem Text einzuschreiben.

Die Namen am Bildschirm werden austauschbar und so fühlt man sich auch selbst. Diskussionen auf Big Blue Button werden abgeschwächt durch die Hemmung, sich in eine gesichterlose Leere hinein zu melden. Immer mit der Angst verbunden, dass die Katze ein mega peinliches Geräusch macht. Die Meinungen im Internet werden extremer, man schreibt sich dort in eine Rage, die ich im „echten“ Leben dank (?) social distancing jetzt länger nicht erleben werde.

Interesse unter Gesichtsmasken und Klopapier

Seit Ostern zwinge ich mich zu einer Routine, die unberührten To-Do-Lists werden halbfertig, dreiviertelfertig. Ich motiviere mich mit der Vorstellung guter Noten, eines nicht allzu stressigen nächsten Semesters und dieser Rolle, die man bei akademischen Abschlussfeiern bekommt. Ich nehme mir die zwei bis drei Stunden, die ich für einige meiner regulär eineinhalb stündigen Lehrveranstaltungen jetzt brauche. Ich lese, google und schreibe Karteikarten. Grabe das unter Gesichtsmasken und Klopapiertürmen begrabene Interesse wieder aus. Auch einzelne Kurse finden Routinen, zum ersten Mal in meiner Studienzeit freue ich mich über Gruppenarbeiten, weil „neue Leute kennenlernen“ mit einer ganz neuen Spannung verbunden ist. In einem Seminar haben wir digitale Exkursionen, Wettbewerbe und eine Whatsapp-Gruppe. Ich schaffe es, mich wieder mehr hineinzusteigern, in die universitäre Welt, die im Internet langsam Form annimmt.

Sweet dreams are made of this?

Ich google „best universities linguistics master“ und stelle mir kurz ein Uni-Leben in England vor. Schreibe Leselisten. Anfang Mai finde ich: Stimmt schon, es ist nett, sich wieder einmal die Zeit zu nehmen, zu überlegen, wer oder was man gern sein will. „Ja, ihr Studierenden habt’s jetzt eh zu viel Freizeit“, wird mir dabei hin und wieder von Bekannten an den Kopf geworfen. Ich sage „nein“ – die Zeit die ich mir jetzt nehme, hätte ich mir schon lange nehmen sollen und auch jetzt schaffe ich es seltener, als ich gern zugeben möchte. Die Zeit, die ich mir jetzt nehme, um kurz zu fragen „Was brauche ich? Was brauchen meine Mitmenschen? Was soll ich tun? Was kann ich tun?“ und um hin und wieder einfach zu chillen, fehlt woanders. Sie fehlt beim Lernen, Lesen, Zusammenfassen, Arbeiten, Aufräumen. Die Inspiration, mir diese Zeit dennoch zu nehmen, kommt halb vom Mangel an spannenderen Erlebnissen, halb vom neu erwachten #mindfulness-Trend in den Social Media.

Dennoch hoffe ich, aus dieser Zeit einiges mitnehmen zu können. Botschaften, über die ich bis vor einigen Monaten noch gelächelt hätte und so etwas gesagt hätte wie „das ist ein Spruch wie aus einem Abreißkalender“. Botschaften von „Wenn du krank bist, bleib daheim“ bis zu „wenn's dir zu viel ist, mach eine Pause“. Ich spüre einmal wieder, dass ich das richtige studiere, weil ich durchhalte und durchhalten will und weil ich dem Studium verzeihen kann, wie Einfluss-los und anonym ich mich ihm gegenüber momentan fühle. Weil ich über den Ärger hinwegblicken kann, der mich überkommt, wenn ich herausfinde, was dieses Moodle eigentlich alles kann und wie wenige Lehrpersonen dessen Features nutzen.

Die ersten werden die letzten sein

Es bleibt zu hoffen, dass wir alle unser Bestes geben. Für manche Studierende wird das heißen, einen Semesterschnitt von 1.0 zu erreichen. Für andere: die Wohnung behalten, einen neuen Job finden, die Kinder durchs Schuljahr begleiten. 

Wir waren die ersten, die zuhause bleiben mussten und werden höchstwahrscheinlich die letzten sein, die zurückkommen. Wir sind ein buntes Gewirr erwachsener Leute, aber viele von uns stehen noch am Anfang ihrer Jugend. Ich lerne, indem ich home-learne, weiter über mich selbst und über die Geheimnisse der Germanistik. Gleichzeitig aber auch über die Vielfalt meiner Kolleginnen und Kollegen, die ich hier unmöglich repräsentieren kann, und im Namen derer ich nur höflich bitten kann: Vergesst’s (weiterhin) ned auf uns.

über die Autorin des Gastbeitrags:

Susanne Sophie Schmalwieser wurde 2001 in Niederösterreich geboren und besuchte Schulen in Mödling und Gloucester (UK). Seit ihrer Matura 2018 studiert sie Deutsche und Klassische Philologie an der Universität Wien und ist studentische Mitarbeiterin an der Karl-Landsteiner-Universität Krems.


Zitation
Creative Commons Lizenzvertrag
Schmalwieser, Susanne (2020): Heute war ich nicht auf der Uni, weil das Internet kaputt war. Lagebericht einer Studierenden. In: DiÖ-Online.
URL: https://dioe.at/details/artikel/2419/
[Zugriff: 04.08.2020]
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