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15. Juni 2021
Cluster C – Blog

Auf Schatzsuche in historischen Klassenzimmern sowie in und zwischen den Zeilen – Digitale Daten in der digitalen Lehre

Wo Schatten, dort auch Licht

In diesem Monat geht das dritte Semester, in dem die universitäre Lehre fast ausschließlich im digitalen Raum stattfinden konnte, zu Ende. Und zumindest ich kann mich nicht entscheiden, ob es sich eher wie eine Ewigkeit oder doch wie gestern anfühlt, als die Universitäten im März 2020 ihre Tore für den regulären Lehr- und Lernbetrieb schlossen.

Seitdem lehren wir auf Distanz, sehen statt interessierter Gesichter ein „:-)“ – gelangweilte dafür gar nicht – und sprechen primär mit unseren diversen Geräten, erst vermittelt aber mit den Studierenden. Persönlichen Austausch, intensive Diskussionen und gemeinsames, produktives Nachdenken aber ohne Qualitätsverlust zu „digitalisieren“, ist schlichtweg nicht möglich. Damit geht einher, dass die Digitalisierung von Lehren und Lernen mehr sein muss, als die bloße Übertragung all dessen, das in der Präsenzlehre gut funktioniert, in den digitalen Raum. Woraus wiederum folgt, dass eine rein digitale Lehre keine adäquate Alternative zu einem universitärem Präsenzlehrbetrieb sein kann, denn in diesem bilden persönlicher Austausch, intensive Diskussion und gemeinsames, produktives Nachdenken essentielle Säulen.

Doch dieser Beitrag sollte nicht nur im Schatten verharren, sondern auch etwas Licht ins Dunkel des – genauer: Ihres – Bildschirms bringen. Digitale Lehre kann nämlich durchaus Sinn machen, insbesondere, wenn es darum geht, den Studierenden digitale Daten(schätze) und den Umgang mit ihnen näher zu bringen.

Vom Heben der Schätze

Digitale Datenschätze, die alle (nicht nur) an Sprache(n) Interessierten zu Reisen durch Zeit und Raum direkt vor ihrem Schreibtisch (oder im Bett) einladen, gibt es im Internet zuhauf – man benötigt nur so etwas wie eine Karte, also Kenntnis über ihre Lage in den Weiten des Netzes. Einige meiner Lieblingsprojekte verlinke ich daher im Anschluss an diesen Beitrag. Um sie für sprachwissenschaftliche Zwecke zu heben (= um sie zu analysieren), müssen jedoch zusätzlich die diversesten Schlösser der Truhen, in denen sie stecken, geöffnet werden.

Dies wiederum erfordert technisches Handwerkszeug, sprich: Anwendungskenntnisse bestimmter (externer) Programme oder von Browserapplikatonen, manchmal sogar Grundkenntnisse in Auszeichnungssprachen wie XML. Das mag aus Sicht von informatikaffinen Personen banal klingen, doch Studierende der sprach- und literaturwissenschaftlichen, also philologischen Fächer erhalten (noch) keine Einführung in die sogenannten digitalen Geisteswissenschaften.1

Vor diesem Hintergrund hatte ich mir zum Ziel gesetzt, die Zeit der Distanzlehre mit den Studierenden meines Proseminars zu nutzen, um mit Ihnen einige dieser Schlösser aufzuschließen und sie unter kleinschrittiger Anleitung erste Schritte ins empirische, sprachwissenschaftliche Arbeiten gehen zu lassen. Gemeinsam haben wir – dem Thema des Proseminars „Historische Soziolinguistik“ entsprechend – drei Datenquellen aufbereitet und diese dann nach Kontrolle und Vereinheitlichung zusammengeführt, um sie zur Auswertung auch über die zeitlichen und personellen Grenzen der Lehrveranstaltung hinaus als Datensammlungen frei zur Verfügung zu stellen. Die Datensammlungen können Sie unter diesem Link einsehen.

Doch womit haben wir gearbeitet, was mussten die Studierenden tun und welche Ergebnisse können durch die Interpretation der Daten erwartet werden? Die folgenden Absätze geben Ihnen einen Einblick:

Ein Blick in historische Klassenzimmer

Wussten Sie, dass mit der letzten Reform des Gymnasialwesens in der Habsburgermonarchie, die – kein Scherz – 1849 in Kraft trat, alle Mittelschulen verpflichtet wurden, einmal jährlich ein sogenanntes Schulprogramm herauszugeben? Dankenswerterweise haben zahlreiche Bibliotheken, darunter die Mährische Landesbibliothek, Ihre Bestände dieser Schulprogramme eingescannt und sie öffentlich zugänglich gemacht. Daher können Sie z. B. unter diesem Link einen Blick in dieses Schulprogramm aus dem Gymnasium in Hranice (dt. Mährisch Weißkirchen) werfen. Dort finden Sie verschiedenste Informationen, angefangen von einem durch einen Lehrer verfassten wissenschaftlichen Aufsatz über den Lehrplan, die Aufsatzthemen und verwendeten Lehrbücher bis hin zu statistischen Informationen über die Lehrer und Schüler.

Im Proseminar haben wir ausschließlich mit Schulprogrammen aus Gymnasien mit deutscher Unterrichtssprache gearbeitet. Die Aufgabe der Studierenden war, in fünf aufeinanderfolgenden Schulprogrammen eines Gymnasiums herauszufinden,

Sofern diese Informationen als Zahlen angegeben waren, sollten sie in eine vorstrukturierte Datentabelle übertragen werden.

Gemeinsam mit Daten, die bereits im Rahmen der Arbeit von Teilprojekt PP05 erfasst worden waren, können wir mittlerweile auf entsprechende Informationen zu den neun Gymnasien mit deutscher Unterrichtssprache aus Mähren zurückgreifen, die Sie auf der Karte in Rot hervorgehoben sehen.3

 

Freilich finden sich noch Lücken im Untersuchungszeitraum von 1850–1910, doch lassen sich für manche Zeiträume bereits gut vergleichende Aussagen treffen. Die meisten Daten liegen für das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts vor und in diese möchte ich mit Ihnen einen kurzen Blick werfen, allerdings nur für ein einziges Schuljahr, nämlich 1904/05:

 

Betrachtet man die Säulen in den satten Farbtönen, so erkennt man, dass die Anteile der Schüler mit Tschechisch als Erstsprache (in Rot) in den deutschen Gymnasien Mährens sehr stark variieren. In Mikulov (Nikolsburg) etwa hatte im Schuljahr 1904/05 nur 1 % aller Schüler Tschechisch als Erstsprache, in Hranice (Mährisch Weißkirchen) traf dies auf ein Drittel zu.

Die hellgrünen Säulen zeigen an, wie viele Schüler den nicht obligatorischen Unterricht in der zweiten Landessprache Tschechisch besuchten. Sie beziehen sich jeweils auf die Anzahl der Schüler mit einer bestimmten Erstsprache, für die dieser Unterricht bestimmt war. In allen Gymnasien wurde Tschechisch für Deutschsprachige angeboten, in manchen (Jihlava [Iglau], Hranice [Mährisch Weißkirchen] und Kroměříž [Kremsier]) hingegen auch Tschechischunterricht für Schüler mit tschechischer Erstsprache, also so etwas wie muttersprachlicher Unterricht.

Aus der Grafik geht hervor, dass die Tatsache, ob dieser angeboten wurde oder nicht, aber nicht unbedingt mit dem Anteil der tschechischsprachigen Schüler zusammenhing. Vergleichen Sie einmal die Daten zu Jihlava (Iglau) und Znojmo (Znaim)! In beiden hatten rund 15 % der Schüler Tschechisch als Erstsprache – aber nur in Jihlava (Iglau) konnten diese auch speziellen Tschechischunterricht besuchen. In Znojmo (Znaim) besuchten sie wohl gar keinen. In Kroměříž (Kremsier) wiederum wurde der Tschechischunterricht, der nominell für Schüler mit tschechischer Erstsprache bestimmt war, auch von deutschsprachigen Schülern besucht. Das deutet daraufhin, dass sie tatsächlich zweisprachig aufgewachsen waren und erlaubt uns, auch individuelle Zweisprachigkeit nachzuweisen.

Aufgabe der Studierenden in meinem Proseminar wird es nun sein, solche Spezifika der von ihnen untersuchten Gymnasien herauszuarbeiten und Erklärungsansätze für sie zu finden.

Ein genauer Blick in die Zeilen

Die zweite Datenquelle, mit der die Studierenden im Rahmen des Proseminars beschäftigt waren, wurde auf unseren Seiten bereits vorgestellt, z. B. in der Beantwortung der Frage des Monats, wie Dialekte eingeteilt werden. Es handelt sich bei ihnen um die sogenannten Wenkerbögen, also die Erhebungsbögen für den Deutschen Sprachatlas. Diese wurden zwischen 1920 und 1930 an alle Volksschulen Österreichs verschickt und enthielten 40 Sätze, die die Lehrpersonen gemeinsam mit Ihren Schülerinnen und Schülern in den Dialekt des Schulortes übersetzen sollten. Sie können sie selbst auf der Plattform regionalsprache.de einsehen und etwa im Wenkerbogenkatalog den Bogen Ihres Heimatorts suchen.

Darunter befindet sich auch Wenkersatz 3, den die Studierenden aus 10 Wenkerbögen ihrer Wahl – meist befanden sie sich rund um das eigene Herkunftsgebiet – transliterieren (also abtippen) sollten. Wie Sie anhand der Abbildung sehen können, bedeutete das auch, Kurrentschrift zu entziffern. Der Satz lautet:

„Thu Kohlen in den Ofen, daß die Milch bald an zu kochen fängt.“

 

Den Satz habe ich ausgewählt, weil man in ihm einige für die österreichischen Dialekte interessante Phänomene beobachten kann, die dann von den Studierenden in ihren Proseminararbeiten beschrieben werden könnten.

Eines davon möchte ich Ihnen jetzt auch vorstellen, und zwar eine, die die Grammatik betrifft. Dialekte unterscheiden nämlich nicht nur in Bezug auf die Aussprache und ihren Wortschatz, sondern auch in ihrer Grammatik voneinander. In manchen Teilen Österreichs gibt es zwei sogenannte Infinitivkonstruktionen – man kann sowohl sagen, dass die Milch „zu(m) Kochen anfängt“ als auch, dass sie „ins Kochen anfängt“. Die zweite Version mit der Präposition in kann aber nur verwendet werden, wenn etwas beginnt, etwas zu tun, so wie hier eben die Milch zu kochen beginnt.

Die Karte, die basierend auf der Arbeit der Studierenden erstellt werden kann, gibt schon erste Hinweise darauf, wo dieser Infinitiv mit in verwendet werden kann: Die roten Punkte finden sich nur im dunkelvioletten Bereich, also in den Teilen Österreichs, in denen mittelbairische Dialekte gesprochen werden. In den südbairischen Dialekten oder auch in Salzburg fällt dafür manchmal die Präposition ganz weg (hellgrüne Kreise). Über das ganze Gebiet hinweg gibt es aber auch immer wieder Wenkerbögen, die gar keinen Infinitiv verwenden, sondern eine andere grammatische Form (hellblaue Kreise), wie z.  B. eine normale Präsensform („[…], dass die Milch bald kocht.“) oder ein Passiv mit Partizip I („[…], dass die Milch bald kochend wird.“).

 

Ein Blick zwischen die Zeilen

Die dritte Datenquelle, die wir gemeinsam mit den Studierenden im Proseminar erschlossen haben, waren historische Zeitungen und Zeitschriften aus dem sogenannten ANNO. Diese Plattform ist der digitale Zeitschriftenlesesaal der Österreichischen Nationalbibliothek und damit eine der umfangreichsten Sammlungen historischer Pressetexte, die sowohl als Scans als auch als automatisch erkannter Text dort zur Verfügung stehen. Damit ist es eine ideale Quelle, um historische Diskurse zu beschreiben.

Probleme kann jedoch die Qualität der automatischen Texterkennung machen, weshalb die Texte händisch überprüft und aufbereitet werden müssen. Dies war die Aufgabe der Studierenden: Sie sollten Textausschnitte mit dem Schlagwort „utraquistisch“ oder „Utraquismus“ suchen, korrigieren, mit Hilfe von XML mit Informationen zum Text anreichern und die Texte so normalisieren, also an die aktuelle Rechtschreibung anpassen, dass Algorithmen, die auf die Gegenwartssprache auslegt sind, die Wörter und Formen erkennen und eindeutig zuordnen können. Dazu haben wir SketchEngine4 verwendet. So haben wir gemeinsam ein Korpus, also eine sprachwissenschaftlich annotierte und durchsuchte Textsammlung aufgebaut, die grob das ganze 19. Jahrhundert abdeckt.

Warum haben wir das Schlagwort „utraquistisch“/„Utraquismus“ gewählt? Es bedeutet „zu beiderlei Gestalt“ und bezeichnete ursprünglich aus der böhmischen Reformation hervorgegangene Konfession, wurde jedoch später auch synonym zu „zweisprachig“/„Zweisprachigkeit“ verwendet.

Mit Hilfe von SketchEngine können wir nun zum Beispiel auswerten, welche Substantiva sehr häufig mit dem Adjektiv „utraquistisch“ verbunden werden, welche Entitäten also oft als zweisprachig bezeichnet wurden. Für die folgende Auswertung habe ich Zeitungsartikel, die sich auf die Kronländer Steiermark, Kärnten und Krain („Southern crownlands“, in Pink/Rot) beziehen, in denen jeweils sowohl Deutsch als auch Slowenisch gesprochen wurde, mit jenen vergleichen, die über Böhmen, Mähren und Österreichisch-Schlesien („Bohemian crownlands“ in Türkis) berichten. Je größer die Kreise in der Abbildung, desto häufiger kam das Adjektiv mit dem speziellen Substantiv vor. Die Lage der Punkte zeigt an, für welche der beiden Regionen die Kombination typischer ist.

 

Wir sehen z. B., dass „Schule“ und „Unterricht“ in beiden Regionen „utraquistisch“ sein konnten. In den deutsch-slowenisch zweisprachigen Kronländern dominieren allerdings Substantiva aus dem Bildungsbereich. In den deutsch-tschechisch zweisprachigen Kronländern hingegen konnte das Adjektiv „utraquistisch“ auch in ganz anderen Bereichen verwendet werden und keiner von diesen war dominant. Wahrscheinlich liegt das daran, dass der Begriff des „Utraquismus“ auch aus den böhmischen Ländern stammt und dort von der ursprünglichen, konfessionellen Bedeutung auf jene der Zweisprachigkeit übertragen wurde.

Das passierte vermutlich erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts.  Unser Korpus enthält etwa folgenden Beleg aus der Ost-Deutschen Post vom 1. Oktober 1859, der sich allerdings auf die Lausitz bezieht.  Die beiden angesprochenen Idiome sind daher Deutsch und Sorbisch.

„Der öffentliche Dienst in Kirche und Schule und bei Gericht erfordert Utraquisten, d. h. beider Idiome Mächtige.“

Schön kann man sehen, dass es Ende der 1850 offenbar (noch) notwendig war, deutlich zu machen, dass mit dem Substantiv „Utraquist“ eine zweisprachige Person bezeichnet wurde.

Ein Dank zum Schluss

Nun haben Sie einen kleinen Einblick erhalten, mit welchen doch komplexen Themen und Daten sich meine Studierenden unter Anleitung auseinandergesetzt haben. Einen Einblick in die Daten selbst können Sie auf der Plattform zu diesen Datensammlungen erhalten. Abschließend sei noch den Studierenden meiner Lehrveranstaltung Dank ausgesprochen – für Ihr Interesse und Ihren Mut, sich offen mit Neuem zu konfrontierten und erste Schritte in das empirische Arbeiten zu wagen!

Digitale Datensammlung nicht nur zu Sprache(n) – eine subjektive Auswahl

1 Allerdings kann man an der Universität Wien digitale Geisteswissenschaften (meist englisch als "Digital Humanities" bezeichnet) sowohl als Erweiterungscurriculum zu einem Bachelor-Studium als auch als eigeneständigen Master studieren.

2 Ich schreibe hier bewusst nur von Schülern, da nur Buben als öffentliche Schüler Gymnasien besuchen durften. Mädchen besuchten nur vereinzelt als Privatistinnen diese Schulen, sonst waren für sie eigene Mädchengymnasien vorgesehen.

3 Eine Karte mit sämtlichen Mittel- und Hochschulen, die in den Ländern der böhmischen Krone (Böhmen, Mähren und Österreichisch-Schlesien = die heutige Tschechische Republik) vor dem ersten Weltkrieg bestanden, stellt der Tschechische historische Atlas zur Verfügung.

4 SketchEngine ist eine eigentlich kostenpflichtige Plattform zur Korpuserstellung und -auswertung. Dank der European lexiographic infrastructure (ELEXIS) gibt es jedoch für Angehörige verschiedenster europäischer Universitäten noch bis März 2022 einen kostenfreien Zugang, den wir auch im Rahmen unseres Proseminars nutzen konnten.



Zitation
Creative Commons Lizenzvertrag
Kim, Agnes (2021): Auf Schatzsuche in historischen Klassenzimmern sowie in und zwischen den Zeilen – Digitale Daten in der digitalen Lehre. In: DiÖ-Online.
URL: https://dioe.at/details/artikel/2940/
[Zugriff: 27.07.2021]
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