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06. November 2017
Cluster C – Blog

Zwei studentische Hilfskräfte auf Umwegen, oder: Zum allerersten Mal einen Konferenzvortrag halten – (Wie) funktioniert das?

Schauplatz 1 (Maria Schinko):

CENTRAL-Workshop Areal Convergence in Eastern Central European Languages, 27.09.2017–29.09.2017, Humboldt-Universität zu Berlin

Berlin, Ende Juli 2017.

3 Nachwuchswissenschaftler aus Österreich, Deutschland und Tschechien. 6 Studierende mit Wünschen, Hoffnungen und Ängsten. Interessen, Fragen und Kompetenzen. 3 Tage Input, Input, Input. Was sind das – Korpora? Was ist das – Statistik? Was ist unser Ziel? Ein Forschungsprojekt! Eine Publikation! Entscheidet euch nach 30minütigen Vorstellungsrunden für ein Projekt, dem ihr euch die nächsten 5 Monate widmen dürft. 2 Personen pro Projekt – warte, da wollen 3?! Macht nix, springt eh sicher jemand ab, also 3. Ich eine davon. Am Ende: Will ich bei einem Workshop im September unsere vorläufigen Forschungsergebnisse präsentieren? 3 Wiener Plätze gibt es. Ähm, na klar, sind ja noch 2 Monate Zeit bis dahin. 2 Monate – eine Ewigkeit!? 4 Personen im Team, Arbeitsteilung läuft perfekt, also kein Grund zur Sorge. Naja…

Berlin, Ende September 2017.

Die letzten 2 Monate ist grob gesagt gar nichts passiert. Die Forschungsfrage ist Ende Juli vage formuliert, danach bricht der Kontakt quasi ab. Vom Abspringen einer der drei Projektpartner erfahre ich eine Woche vor meiner zu haltenden Präsentation in Berlin. Der zweite Projektpartner hat sich bis dahin noch gar nicht gemeldet. Die Projektleiterin fragt einmal in 2 Monaten nach unserem Forschungsstand und dabei bleibt es. Meine Versuche, eine Kooperation zu erreichen, schlagen fehl. Was also machen als Teammitglied ohne Team und ohne Feedback zur bereits getanen Arbeit? Sagen „nicht mein Problem“? „Wenn die anderen nix machen, brauche ich ja auch nix zu tun“? Geht ja nicht, ich muss ja die Präsentation halten. Will ich ja auch. Also ganz einfach: trotzdem weitermachen. Dann ist es ab jetzt einfach mein Projekt und Punkt. Dann definiere ich jetzt meine Ziele, mein Korpus und meine Methode. Dann hole ich mir woanders Hilfe. Und es funktioniert. Ich lerne, mit dem Korpus zu arbeiten. Und es funktioniert. Ich produziere erste Ergebnisse. Klar, sie sind verbesserbar, aber sie zeigen mir, in welche Richtung ich weitermachen kann und es funktioniert. Was kann jetzt noch schiefgehen? Der Kollege, mit dem ich mir meinen Vortragsplatz teilen sollte, sagt am Vortag ab. Die Kollegin, auf deren theoretischer Einführung mein Vortrag aufbauen sollte, sagt am Vortag ab. Und? ES FUNKTIONIERT! Alles, quasi reibungslos. Danach: Lob, Lob, Lob. Also, was soll’s – es funktioniert!

Allgemeine Anmerkungen:

Der CENTRAL-Workshop Areal Convergence in Eastern Central European Languages an der HU zu Berlin wurde im Rahmen des CENTRAL Forschungsclusters 12 (Areale Konvergenz in Ostmitteleuropa) organisiert, in dem der Projektleiter der beiden Teilprojekte von Task Cluster C, Prof. Stefan-Michael Newerkla vom Institut für Slawistik der Universität Wien, mit Prof. Luka Szucsich vom gleichnamigen Institut an der HU zu Berlin kooperiert. Der Workshop war ein überaus fruchtbares Vernetzungstreffen von Expertinnen und Experten, aber auch Studierenden der CENTRAL-Partneruniversitäten und externen Wissenschafterinnen und Wissenschaftern.

Task Cluster C war gleich mit vier Vorträgen vertreten: Gleich am ersten Tag, am Mittwoch, sprach Prof. Stefan-Michael Newerkla zu Linguistic areas in Central Eastern Europe as the result of pluridimensional, polycentric convergence phenomena und erläuterte im Rahmen dieses Vortrags auch die hinter den Teilprojekten PP05 und PP06 stehenden Grundannahmen. Agnes Kim präsentierte in ihrem Language myths and (nothing?) beyond. Perspectives on language contact of German in Austria with Slavic languages betitelten Vortrag MiÖ, das Informationssystem zur (historischen) Mehrsprachigkeit in Österreich und fragte insbesondere nach dem Ursprung der in der Linguistik kursierenden Mythen rund um den Sprachkontakt des Deutschen in Österreich mit slawischen Sprachen.

Am Freitag sprach Maria Schinko, studentische Hilfskraft in PP06, schließlich zu PUT Verbs in Light Verb Constructions in Czech, Polish and German und präsentierte in diesem Zusammenhang die Zwischenergebnisse ihres Projekts, das im Rahmen des CENTRAL-Kollegs 2017 erarbeitet wird. Ebenfalls in diesem Kontext stand auch der zweite Vortrag von Agnes Kim, den sie mit bzw. stellvertretend für Sebastian Scharf, Student an der HU zu Berlin, zu Variation in case government of cognitive verbs: the equivalents of 'to forget' in Eastern Central European Languages hielt.

Schauplatz 2: (Natália Kancelová):

IV. Jahrestagung des Forschungszentrums Deutsch in Mittel-, Ost- und Südosteuropa, Universitatea Transilvania din Brașov/Kronstadt.

Wien, Ende Mai 2017.

Im Projekt wird mir vorgeschlagen Anfang Oktober zu zweit bei einer Konferenz aufzutreten. Das Thema ließe sich mit dem Thema meiner Bachelorarbeit verbinden. Ok, das klingt machbar. Schließlich sind es noch mehr als 4 Monate bis dahin. Die Konferenz ist in Transsilvanien – da war ich noch nie, klingt spannend. Ich stimme zu. Wir sollen gleich ein Abstract verfassen. Das geht einfacher als gedacht, ich muss ja lediglich meine Anmerkungen an den Rand schreiben. Wenn alles so easy ist, dann: Forschung, ich komme!

Wien, Anfang August 2017.

Der Sommer plätschert so vor sich hin. Die Bachelorarbeit auch. Ein riesiger Stapel an Büchern, Forschungsartikeln und Zusammenfassungen der Zusammenfassungen türmen sich auf dem Fußboden. Für die BA könnte es reichen, aber was ist mit der Konferenz? Lese ich noch oder forsche ich schon?! Denn: Für die BA brauche ich keine eigenen Daten, für die Konferenz schon. Wo anfangen? Ein Citavi-Projekt anlegen? Einen Ordner auf der Cloud erstellen? Vortragspartnerin ist jetzt im Urlaub, übernächste Woche dann ich. Wir werden alles besprechen, wenn wir beide wieder in Wien sind. Ok, tief durchatmen… Italien, ich komme!

Wien, Mitte September 2017. 

Der Bücherstapel von vor 6 Wochen hat sich verdoppelt. Meine Panik mindestens vervierfacht. Höchste Zeit mit der Datensammlung anzufangen. Was brauche ich denn überhaupt? Archivmaterial, jede Menge Archivmaterial. Ab ins Archiv, alles einscannen. Stauballergie macht sich bemerkbar, Handyscanner gibt den Geist auf. In diesem Archiv gibt es aber nur wenig von dem was ich brauche – ab ins nächste Archiv. Und dann ins übernächste. Jetzt habe ich viel zu viel Material und viel zu wenig Zeit. Noch nicht alle Bücher zum Thema gelesen und keine Statistiken erstellt. Irrenhaus, ich komme!

Transsilvanien, Anfang Oktober 2017.

[Am Vorabend des Vortrags:] 12 Stunden Fahrt haben wir hinter uns, 12 Stunden bis zu unserem Vortrag vor uns. Im Hotel eingecheckt, Pizza bestellt, doppelten Espresso gekauft – die Nacht ist jung, auch wenn sie in Transsilvanien eventuell gefährlich sein könnte. Aber die PowerPoints sind noch nicht fertig, der Vortragstext muss geschrieben werden. Warum bitte zeigt die tage- und nächtelang mühevoll erstellte Statistik genau gar nichts? Oh doch, hier ist eine gaaaanz kleine Entwicklung zu sehen. Wie soll ich das bitte alles interpretieren? „Darf“ ich das überhaupt? Schrieb da nicht der XY etwas dazu? War das vorhin eine Fledermaus am Fenster…?!

[Während des Vortrags:] Die gute Nachricht ist: Wir wurden in der Nacht nicht von Dracula aufgesucht. Die schlechte: Aufgrund der Augenringe könnten sie uns trotzdem für ihn halten. Aber Moment, die schauen uns ja gar nicht so bösartig an und gehen auch nicht mit Mistgabeln auf uns los. Manche nicken sogar zustimmend. Ok, einer hat die Augen zu, vielleicht hat er eine ähnlich anstrengende Nacht hinter sich. Wo aber bitte bleiben die Tomaten und die Buh-Rufe, weil wir keine weltbewegenden Ergebnisse liefern, sondern im Endeffekt nur Statistiken beschreiben und in Beziehung zueinander setzen? Und schon ist der Vortrag vorbei – tat gar nicht weh. Zur Belohnung gönnen wir uns ein wenig Tourismus. Dracula-Schloss, wir kommen!

Allgemeine Anmerkungen:

Wie schon im letzten Jahr, waren beide Teilprojekte von Task Cluster C auch auf der diesjährigen Jahrestagung des FZ DiMOS, also des Forschungszentrums für Deutsch in Mittel-, Ost- und Südosteuropa vertreten. Für PP05 trugen Martina Schmidinger und Natália Kancelová zum Räumlichen und zeitlichen Spannungsfeld von liberaler Gesetzgebung und rigoroser Sprachpolitik: Das Schulwesen in Wien, Bratislava und Brünn im Vergleich vor und präsentierten in diesem Zusammenhang Daten zum Sprachgebrauch und zur nationalen Zusammensetzung in Gymnasien in diesen drei Städten zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Maria Schinko vertrat PP06 im Alleingang und mit einem in Kooperation mit Agnes Kim vorbereiteten Vortrag mit dem Titel Von „rein deutschen“ Orten und „tschechischen Minderheiten“ II, der direkt an den Beitrag von Agnes Kim bei der letztjährigen Jahrestagung des FZ DiMOS in Regensburg anknüpfte und von den soziolinguistischen Fragestellungen auf den Wenkerbögen ausgehend, einen Blick auf ausgewählte Volksschulen Südmährens um 1900 warf.



Zitation
Creative Commons Lizenzvertrag
Schinko, Maria / Kancelová, Natália (2018): Zwei studentische Hilfskräfte auf Umwegen, oder: Zum allerersten Mal einen Konferenzvortrag halten – (Wie) funktioniert das?. In: DiÖ-Online.
URL: https://dioe.at/details/artikel/987/
[Zugriff: 13.12.2018]
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