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16. November 2017
Cluster E – Blog

In aller Munde und aller Köpfe – Deutsch in Österreich. Und Citizen Science.

„Deutsch in Österreich“, noch dazu mit dem Zusatz „Variation – Kontakt – Perzeption“ – darunter konnte ich mir zu Beginn des Projekts „Deutsch in Österreich. Variation – Kontakt – Perzeption“ (DiÖ), als ich frisch dazugekommen bin, wenig vorstellen. Es ging um deutsche Sprache – in Österreich. So viel war klar.

Nach und nach stellte sich heraus: Es geht in dem Projekt auch um den Gebrauch und die Wahrnehmung der deutschen Sprache, um Einstellungen zum Sprachgebrauch sowie Kontakt zu anderen Sprachen. Es geht viel um Dialekt – auch wenn die WissenschafterInnen aus der Germanistik immer die Nase rümpfen, wenn man von Mundart und Hochdeutsch spricht. Dann bekommt man immer zu hören „Es heißt nicht Hochdeutsch, sondern Standardsprache. Und: Wir beschäftigen uns nicht NUR mit Dialekt“. – Als Übersetzerin und Terminologin weiß ich natürlich, wie wichtig der richtige Gebrauch der jeweiligen Fachsprache ist. Mittlerweile weiß ich auch, dass mit Dialekt in der Linguistik ein Basisdialekt gemeint ist. Mein Eindruck bleibt trotzdem: Es geht viel um Dialekt in dem Projekt – und alles zwischen Dialekt und Hochdeutsch, hoppla: Standardsprache. Es geht darum, wie sich Dialekte in verschiedenen Regionen Österreichs unterscheiden, wie Sätze unterschiedlich gebildet werden, wie sich die Grammatik oder die Aussprache von Gebiet zu Gebiet unterscheiden. Es geht um den Unterschied zwischen Stadt und Land, zwischen Alt und Jung und generell immer um den Wandel von Sprache. Aber es geht eben nicht nur um Dialekt: Es geht darum, wie Personen Sprache in bestimmten Situationen einsetzen und z.B. zwischen Dialekt und Standardsprache im Privat- und Berufsleben wechseln, wie Menschen darüber denken und wie der Kontakt mit anderen Sprachen die deutsche Sprache in Österreich verändert (hat). Variationslinguistik halt.

Ich selbst bin eigentlich ausgebildete Übersetzerin und Dolmetscherin und arbeite außerdem als Translationswissenschafterin. Zum Projekt „Deutsch in Österreich“ hat mich das Thema meiner Dissertation verschlagen. Darin beschäftige ich mich mit der Gebrauchstauglichkeit (auch Benutzerfreundlichkeit) der Terminologiedatenbank der Universität Wien, einem Nachschlagewerk für Universitätsbegriffe auf Deutsch und Englisch. Benutzerfreundlichkeit spielt auch bei „Deutsch in Österreich“ eine Rolle, denn die Forschungsplattform, die im Zuge des Projekts aufgebaut wird und sämtliche Daten und Informationen zum Projekt enthalten wird, soll einfach zu bedienen sein. Dabei soll ich unterstützen. Wie auch bei der externen Kommunikation des Projekts, die es  erforderlich macht, wissenschaftliche Inhalte möglichst allgemein verständlich zu kommunizieren. Denn ein klares Ziel von DiÖ ist es auch Forschung einem breiten Personenkreis zugänglich zu machen und die Bedeutung der linguistischen Grundlagenforschung, z.B. mittels DiÖ-Podcast oder DiÖ-Blog zu vermitteln.

Aus wissenschaftlicher Sicht wiederum ist es für mich spannend, einen Einblick in eine andere Fachsprache (Beispiel „Hochdeutsch“) und eine andere Wissenschaftskultur zu erhalten sowie einen Blick von außen in das Projekt einbringen zu können. Persönlich bin ich allerdings auch an dem Projekt interessiert, da ich selbst Dialektsprecherin bin. Das und die Kommunikationsaufgabe haben mich auch zu Citizen Science geführt.

Variationslinguistik trifft Citizen Science

In der Wissenschaft ist es häufig so, dass BürgerInnen rein als Forschungssubjekte betrachtet werden. Wir – das ist das Citizen-Science-Projekt „In aller Munde und aller Köpfe –Deutsch in Österreich“ – glauben, dass es an der Zeit ist, die österreichische Bevölkerung aktiv in den Forschungsprozess zum Thema Deutsch in Österreich miteinzubeziehen. Denn schließlich sind sie diejenigen, die die deutsche Sprache in Österreich tagtäglich verwenden und mit ihr in Kontakt kommen. Sie sind als SprecherInnen und HörerInnen selbst ExpertInnen im Bereich Deutsch in Österreich. Wir möchten daher ihre Anliegen, ihre Meinung und ihre Einsichten sichtbar machen. 

Citizen Science für Deutsch in Österreich

Citizen Science ist gerade „in aller Munde“. Derzeit verfolgen viele wissenschaftliche Projekte einen Citizen-Science-Ansatz. Bei Citizen Science geht es darum, das interessierte BürgerInnen an wissenschaftlichen Projekten mitarbeiten oder diese sogar selbst durchführen. Der Arbeitsschwerpunkt der sogenannten „BürgerforscherInnen“ in diesen Projekten ist häufig die Sammlung von Daten, z. B. die Meldung von Wildtiersichtungen. Wir möchten aber einen Schritt weiter gehen und die ÖsterreicherInnen – aber natürlich auch Menschen anderer Nationen – zur Durchführung eigener Forschung im Bereich Deutsch in Österreich animieren. 

Interessierte sollen Antworten auf die Fragen finden, die sie sich schon immer zum Thema Deutsch in Österreich gestellt haben: Spricht die heutige Jugend noch richtigen Dialekt? Sterben Dialekte aus? Woher kommt das Wort „Powidl“?

Wie soll das gelingen? Der Gebrauch von Sprache, besonders jener von Dialekten, ist ein emotional und politisch behaftetes Thema und alle können zu diesem Thema mit ihrer Meinung, Erfahrung, ihrem Wissen oder ihren Anliegen beitragen.

Wir beginnen damit, die Forschungsfragen, d. h. die Fragen der Bevölkerung zum Gebrauch und zur Wahrnehmung der deutschen Sprache in Österreich, von der Gesellschaft zu sammeln. „Sammeln“ klingt zwar sehr nach klassischen Citizen-Science-Projekten, aber nach dem Sammeln, können die Mitforschenden über ihre Frage des Monats abstimmen. Ist diese Frage bereits wissenschaftlich beantwortet, geben unsere ForscherInnen die Antwort darauf. Ist die Frage noch unerforscht und fehlt eine wissenschaftlich begründete Antwort, animieren wir die BürgerInnen selbst nach der Antwort zu suchen. Wir unterstützen sie bei der Beantwortung, in dem wir ihnen Methoden und Hilfsmittel zur Verfügung stellen, um diese Frage zu beforschen und ihre Erkenntnisse zu veröffentlichen und zu diskutieren. 

„I am DiÖ“ – Das etwas andere Citizen-Science-Projekt

Traditionelle Wissenschaft ist top-down, d. h. die WissenschafterInnen machen die Vorgaben und treffen die Entscheidungen. Unser Citizen-Science-Projekt versteht sich als sogenanntes extreme oder co-created Citizen-Science-Projekt, d. h. die Bevölkerung wird in den gesamten Forschungsprozess eingebunden und entscheidet mit.

„In aller Munde und aller Köpfe – Deutsch in Österreich“ zeichnet sich also dadurch aus, dass es die Bevölkerung in der Durchführung von (eigenen) Forschungsprojekten z. B. im Bereich Sprach- und Varietätengebrauch, d. h. Standardsprache, Umgangssprache oder Dialekt in Österreich unterstützt. Die BürgerInnen gestalten den gesamten Forschungsprozess selbst (gemeinsam mit uns), d. h. die Mitarbeit am wissenschaftlichen Projekt beschränkt sich nicht nur auf das Sammeln von Daten, sondern umfasst alle Schritte im Forschungsprozess – von der Suche nach der Forschungsfrage bis hin zur Veröffentlichung und Diskussion der Erkenntnisse. 

Ziele von „In aller Munde und aller Köpfe – Deutsch in Österreich“

„I am DiÖ“ hat sich hehre Ziele gesteckt: Für die BürgerInnen soll Wissenschaft (be-)greifbar werden, indem sie Forschung selbst durchleben. 

Auch das Interesse an der Grundlagenforschung in den Geisteswissenschaften soll geweckt sowie ihre Bedeutung für die Gesellschaft vermittelt werden. Der Dialog mit den BürgerInnen (weg vom Elfenbeinturm Wissenschaft) und die Mitgestaltung der Wissenschaft durch die Gesellschaft sind von zentraler Bedeutung im Projekt. Wir wollen als gutes Beispiel für extreme Citizen-Science in den Geisteswissenschaften vorangehen.

Indem wir mit der Bevölkerung zusammenarbeiten und gesellschaftlich relevante Themen behandeln, treiben wir die Grundlagenforschung voran und können mit unserer Forschung auf gesellschaftliche Herausforderungen antworten. 

Auf „I am DiÖ“ gekommen

I am DiÖ ist ein Akronym für „In Aller Munde und aller Köpfe – Deutsch In Österreich“. Ausgesprochen wird es allerdings Englisch: I am DiÖ. Also „Ich bin Deutsch in Österreich“. Damit soll verdeutlicht werden, dass die SprecherInnen bzw. HörerInnen von Deutsch, das in Österreich gesprochen wird, die Sprach-ExpertInnen sind. So sollen die Bedürfnisse und Anliegen der Gesellschaft Eingang in die Forschung finden.

Mitforschen bei „I am DiÖ“

Wie der Projektname schon sagt: Deutsch in Österreich ist „in aller Munde und aller Köpfe“. Jede/r kann daher mitmachen. Vorwissen oder Forschungserfahrung sind nicht erforderlich. 

Die Beteiligungsmöglichkeiten sind vielfältig und reichen von „echter“ Forschung bis hin zu Spielen und Wettbewerben, je nachdem zu wie viel Aufwand und Spaß die TeilnehmerInnen bereit sind. 

Die einfachste (und schnellste) Möglichkeit mitzumachen ist: das Einreichen von Fragen zum Thema Deutsch in Österreich (samt Abstimmung zur Frage des Monats), das Fotografieren von Schrift im öffentlichen Raum (Schnitzeljagd mittels App durch Österreich) oder das Erstellen dialektaler Memes mithilfe eines Meme-Generators.

Wer Hard-Core-Wissenschaft betreiben möchte, kann selbst die Antwort auf die Frage des Monats mittels wissenschaftlicher Methoden suchen.

Das „We“ hinter „I am DiÖ“

Wir sind ein kleines Team aus dem Bereich der Germanistik, Linguistik, LehrerInnenbildung und Translationswissenschaft. Wir arbeiten außerdem mit ForscherInnen aller Forschungseinrichtungen aus dem Hauptprojekt zusammen und haben auch Kooperationspartner wie die Universität Luxemburg und die Universität Passau, die uns technisch und fachlich unterstützen. 

Was unterscheidet „I am DiÖ“ von „DiÖ“?

Das Citizen-Science-Projekt „In aller Munde und aller Köpfe – Deutsch in Österreich“ behandelt genauso wie das Hauptprojekt „Deutsch in Österreich. Variation – Kontakt – Perzeption“ den Gebrauch und  die Wahrnehmung der deutschen Sprache in Österreich. Als Citizen-Science-Add-On setzt es aber einen Schwerpunkt auf den Austausch mit und die aktive Einbindung der Bevölkerung in den Forschungsprozess. Wir möchten (an)erkennen, was die Gesellschaft bewegt und wo noch Nachholbedarf in der Forschung besteht. Das Wissen, die Meinungen und Anliegen der BürgerInnen sollen zum Wissensfortschritt in der Linguistik und zur öffentlichen Diskussion der Themen beitragen: Deutsch in Österreich – auf den Straßen, in aller Munde und aller Köpfe.

Wir sind übrigens auch auf der Seite des Zentrums für Citizen Science vertreten: https://www.zentrumfuercitizenscience.at/de/p/in-aller-munde-und-aller-koepfe-deutsch-in-oesterreich

Barbara Heinisch ist Universitätsassistentin am Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien. Sie ist in diverse Forschungsprojekte involviert, u. a. Deutsch in Österreich. Variation – Kontakt – Perzeption, dem Spezialforschungsbereich, an den das Citizen-Science-Projekt, das sie ins Leben gerufen hat, anknüpft; eTransFair (How to achieve innovative, inclusive and fit-for-market specialised translator training? – A transferable model for training institutions), das die Modernisierung der FachübersetzerInnen-Ausbildung zum Thema hat, ACT (Accessible Culture and Training), das die Barrierefreiheit von Kulturveranstaltungen anstrebt.

In ihrer Dissertation beschäftigt sie sich mit der Usability (Benutzerfreundlichkeit) der Terminologiedatenbank der Universität Wien. Ihre Forschungsinteressen sind Citizen Science, Lokalisierung, Technische Dokumentation, Usability, Terminologie und Fachübersetzung. 



Zitation
Creative Commons Lizenzvertrag
Heinisch, Barbara (2017): In aller Munde und aller Köpfe – Deutsch in Österreich. Und Citizen Science.. In: DiÖ-Online.
URL: https://dioe.at/details/artikel/989/
[Zugriff: 19.02.2018]
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